Die Unordnung der Welt, in der wir leben, hat sich dieser Tage in einem besonders krassen Fall manifestiert. Mitten im Frieden bombardierten und kaperten peruanische Luft- und Seestreitkräfte das unter panamaischer Flagge fahrende Walfangmutterschiff "Olympic Challenger" und bugsierten es in den Hafen von Payta. Eine weitere Anzahl "Piratenschiffe", so verkündet das peruanische Regierungskommuniqué, wurde ebenfalls aufgebracht und befindet sich zur Zeit in Gewahrsam der Kriegsflotte. Als Grund für dieses Vorgehen wird angeführt, daß die Walfänger die von den südamerikanischen Westküstenstaaten Peru, Chile und Ekuador festgesetzte 200-Meilengrenze verletzt hätten. Daß die Beschießung und darauf folgende Beschlagnahme weit außerhalb dieser Sperrzone, etwa 370 Seemeilen von der Küste entfernt, stattfanden, wird so motiviert: Peru habe das Recht, den Räubern ihren Fang wieder abzujagen und obendrein sich ihrer Fahrzeuge zu bemächtigen. Diese sollen, erklären die Peruaner, künftig der peruanischen Handelsflotte einverleibt werden.

Die Reaktion auf das Vorgehen der Peruaner war zunächst allseitige Verblüffung. Aus ihr schälte sich alsbald Empörung der zunächst Beteiligten, in erster Linie des Eigners der Walfangflotte, des in Argentinien naturalisierten, aus Griechenland stammenden Großreeders Aristoteles Onassis. Er wandte sich an den Staat Panama, unter dessen Flagge seine Schiffe fahren. Panama gedenkt beim internationalen Schiedsgerichtshof im Haag vorstellig zu. werden. Auch die Londoner Versicherungsgesellschaft Lloyd, bei der die Flotte mit dem Betrag von 15 Millionen Dollars zu Buch steht, hat über die britische Regierung Schritte gegen die Beschlagnahme unternommen.

Interessant aber ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie sich überhaupt eine willkürliche Festlegung von Küstenhoheitsgrenzen seitens einzelner Staaten mit dem alten Grundsatz von der Freiheit der Meere verträgt. Es gibt darüber keine bindenden, internationalen Abmachungen, sondern lediglich gewohnheitsmäßige Gepflogenheiten, welche eine Dreimeilenzone zur Regel machen. Sowjetrußland bildet eine Ausnahme von dieser Regel. Es dekretiert die Zwölfmeilenzone, die auch für die deutsche Ostseeküste gilt. Wie aber, fragt sich die Welt, kommen die Peruaner dazu, sich auf 200 Seetheilen Hoheitsgebiet zu versteifen und kriegsmäßige Konsequenzen daraus zu ziehen? Es gäbe dann ja überhaupt bald keine Grenze mehr. Jeder Staat könnte nach Belieben 200 oder mehr Meilen für sich beanspruchen.

Darüber werden sich nun die Staatsrechtler die Köpfe zerbrechen und die Politiker, denn der peruanische Präzedenzfall ist nicht zuletzt auch eine, politische Angelegenheit. Er dürfte die panamerikanische Union beschäftigen und darüber hinaus die UNO. Uns Deutsche geht er aber insofern an, als die 600 Mann starke Besatzung der Walfangflotte mit Ausnahme von 16 Norwegern aus Deutschen besteht. Auch der Kapitän des Mutterschiffes "Olympic Challenger", das auf der Hamburger Howaldtwerft erbaut worden ist, und die Kapitäne der zwölf Fangboote sind Deutsche. Zwei von ihnen wurden verhaftet, weil sie sich geweigert hatten, den Peruanern die Logbücher zu übergeben. Da aus den Logbüchern Position und Kurs der Walfangflotte zu ersehen sind, sind sie natürlich Beweisstücke von ausschlaggebender Bedeutung.

Glücklicherweise ging das Bombardement, das Flugzeuge vornahmen, und der MG-Beschuß ohne Blutvergießen ab. Da die Onassis-Schiffe unter fremder Flagge fahren, der auch die Besatzung in ihrem Dienstverhältnis untersteht, ist ein Einschreiten deutscher amtlicher Stellen so lange nicht geboten, als Freiheit und Leben der deutschen Seeleute nicht bedroht sind. Aber die Bundesregierung hat ihre diplomatische Vertretung in Lima angewiesen, alles Notwendige zu tun, um die deutschen Seeleute zu schützen.

Wie dieser merkwürdige "Kriegsfall" ausgehen wird, darüber läßt sich heute schwer etwas sagen. Fest steht schon jetzt, daß die unmittelbar Interessierten, vor allem die Reederei, die Regierung von Panama und die Versicherungsgesellschaft Lloyd sich bestimmt nicht mit dem rigorosen Vorgehen der Peruaner abfinden werden. Heinz Hell