Wer kann heute noch die menschliche Größe der jungen Dichter vor 1914 ganz ausmessen? Wer kann noch nachempfinden, wie sie gelebt haben als Ausnahmeexistenz, als "eine an den Rand der Büchse gequetschte Sardine" – um ein Wort Kierkegaards zu zitieren –, inmitten einer saturierten Zeit? Wer spürt noch ihre absolute Verlassenheit? Rilke und Hofmannsthal, die die Revolution der deutschen Lyrik begannen, kamen aus einer großen Tradition. Woher aber kam dieser Knabe Georg Heym, der mit fünfundzwanzig Jahren 1912 in der Nähe von Schwanenwerder beim Eislaufen ertrank, von dessen Gedichten uns nicht alle erhalten blieben, weil die Eltern – sich ihres "ungeratenen" Sohnes schämend – manches verbrannten? Woher kam Georg Trakl, der, siebenundzwanzigjährig, im November 1914 in einem österreichischen Lazarett starb? Woher kamen Gerrit Engelke, achtundzwanzigjährig, gefallen 1918, August Stramm, neununddreißigjährig gefallen 1915, Ernst Wilhelm Lotz, zweiundzwanzigjährig gefallen 1914, und schließlich Ernst Stadler, einunddreißigjährig gefallen 1914? Wohin hätten sie uns geführt, wären sie am Leben geblieben? Oder war ihr Auftrag beendet, als sie erste Opfer jener äußeren und inneren Katastrophe wurden, die sie Jahre zuvor geahnt hatten?

Einen von ihnen, vielleicht den wichtigsten, aus halbem Vergessen an das Licht der Erinnerung gezogen zu haben, ist das Verdienst zweier Bände:

Ernst Stadler: Dichtungen. Gedichte und Obertragungen mit einer Auswahl der kleinen kritischen Schriften und Briefe in zwei Bänden (295 bzw. 409 S., 17,50 DM), im Verlag Heinrich Ellermann, Hamburg, herausgegeben, textkritisch durchgesehen und erläutert von Karl Ludwig Schneider.

Ernst Stadler ist von den jungen Dichtern der einzige, der bis zu seinem gewaltsamen Tode ein äußerlich bürgerliches Leben führte: er war aufgewachsen in Straßburg, Student in der Heimatstadt und in Oxford, Assistent und Dozent für Germanistik in Straßburg und Brüssel. Er hatte kurz vor Ausbruch des Krieges einen Ruf als Professor an eine kanadische Universität erhalten. Am 1. September 1914 wollte er abreisen. Zu spät.

Aber hinter diesem bürgerlichen Leben verbarg sich ein dichterischer Geist, der mit einem einzigen Gedichtband "Der Aufbruch" 1913 den reinsten Durchbruch zu einer neuen Art des Dichtens, zu einem neuen Lebensbezug, den Ansatzpunkt des Expressionismus fand. Was vor sich ging, als dieser Ansatzpunkt gefunden wurde, wird heute oft viel zu literar- und kunsthistorisch gesehen. Die expressionistische Bewegung war eine Art "Sturm und Drang" der Jungen gegen die müden, reifen Formen des Impressionismus und Symbolismus. Sie war ein wütender Protest gegen die Auseinanderlegung der Wirklichkeit in Lichtreflexe, Schatten und Melancholie, eine kompromißlose Hinwendung zur Wirklichkeit, die am Wohllaut Georgescher oder Rilkescher Verse zu ersticken drohte. Aus dem unverbindlichen Bereich des Ästhetischen wenden sich die jungen Künstler wieder ihren Mitmenschen zu: Werfels Menschenfreundlichkeit, Heyms und Engelkes Entdeckung der großen Städte, Trakls Ahnung des Untergangs – sie alle sind ein Teil jenes Imperativs, den der junge Stadler damals gibt: "Vorbei die umtaumelten Fanfaren ... Keine Ausflüge mehr ins Wolkige ... Aus seinen Träumen fliehn!"

Keine Ausflüge mehr ins Wolkige..., welch ein Programm für einen Lyriker vor 1914! Karl Ludwig Schneider erläutert in seiner ebenso knappen wie philologisch präzisen Einführung, wie es bei dem jungen Stadler zu diesem expressionistischen Durchbruch kommt: wie der Dichter nach einer kurzen jugendlichen Übermutsperiode (die ihn mit René Schickele und Otto Flake zusammenführte) an der schweren Form Georges und Hofmannsthals Gefallen findet und in seinen ersten Gedichten "Präludien" den gefährlichen Vorbildern erliegt. Was ihn aus dieser magischen Verstrickung löst, ist aber nun – und das geht aus Schneiders Vorwort hervor – nichts anderes als die eigene Existenz, die sich durch ihre heftigen erotischleidenschaftlich dem Diesseits zugewandten Bezüge bedrängt mit der introvertierten, melancholischen Grundhaltung der Symbolisten nicht zufrieden geben kann, sondern zu einem neuen Weltgefühl des stürmischen Ergreifens des Lebens drängt. "Es erweist sich die Dichtung Stadlers" – so schreibt Schneider – "letztlich als eine der Äußerungsformen der Lebensfülle und des dionysischen Lebensrausches." – Und es ist kein Zufall, daß für Stadler der Satz des Mystikers Angelus Silesius verbindlich wird: "Mensch, werde wesentlich!" In Stadler selbst nämlich drängt der gewaltige Strom der Mystik wieder an die Oberfläche eines Einzelbewußtseins und wird ihm beinahe magisches Mittel, die unmittelbare Wirklichkeit zuerkennen:

Aufgefrischt wie vom Bad, ins Leben eingeblüht, dunkel dem großen Dasein hingegeben.