Am Sonntag, dem 24. Oktober, fährt ein Kölner Bürger gegen vier Uhr morgens auf der Autobahn von Düsseldorf nach Köln. Am Kilometerstein 521,5 zwischen Langenfeld und Hilden wird er von einem Wagen überholt, der sich dicht vor ihn setzt. Schon kommt ein zweiter Wagen auf der Überholungsbahn heran und bleibt mit dem Kölner Fahrzeug auf gleicher Höhe. So wird der Wagen des Kölners eingekeilt und zum Halten gezwungen. Einer der Gangster, er trägt eine Ledermaske, richtet eine Pistole auf den Überfallenen und verlangt: "Geld her!" Er bekommt 300 DM ausgehändigt. Dann fahren die Räuber in schneller Fahrt davon.

In der gleichen Nacht wird auf der Bundesstraße 59, westlich von Köln, ein zweiter Überfall verübt. Ein Autofahrer wird von einem Ford M12 während der Fahrt zur Seite gedrängt und schließlich zum Halten gezwungen. Dem Ford entsteigen drei maskierte Männer und gehen auf das gestoppte Auto zu. Dessen Fahrer ist ausgestiegen, fragt verwundert, was los sei. Als er die Männer deutlicher erkennen kann, tritt er rasch hinter den Ford M12. Einer der Banditen richtet auf ihn eine Pistole und ruft: "Geld her!" Ein dritter Wagen kommt näher –: die Räuber springen in den Fordwagen und fahren in Richtung Köln.

Seit dieser Nacht kommt die Erregung über die Autobanditen nicht zur Ruhe. Dabei geschah in den nächsten neun Tagen kein Überfall. Und nichts an den ersten beiden Überfällen deutete darauf hin, daß man es mit dem Beginn einer Serie von Bandenüberfällen zu tun habe. Aber dann schlagen die Banditen wieder zu: In der Nacht zum 2. November werden im Kölner Bezirk und in der Nähe von Bonn vier Überfälle verübt, von denen einer den Gangstern 570 DM einbringt; drei jedoch mißlingen, weil die Räuber gestört werden. Seither mehren sich die Überfälle. Meist geben die Überfallenen ohne jede Gegenwehr das Geld heraus. Ja, sie sind so überrascht und geschockt, daß keiner von ihnen der Polizei eine einigermaßen genaue Beschreibung der Täter liefern kann. Angeblich sollen sie Maschinenpistolen bei sich tragen. Es können aber auch Attrappen sein.

Nach den Überfällen vom 2. November wird eine Belohnung von nur 500 DM ausgesetzt. Sie wird später bis auf insgesamt 18 300 DM erhöht. 5000 DM davon spendete eine Benzinfirma. Die Kriminalhauptstelle Köln wird zentral mit der Fahndung betraut. Die Fahndung geht zweigeleisig vor. Zunächst "kauft sie sich" natürlich ihre alten "Kunden": die der Polizei bekannten Autoknacker und Autodiebe. Von Dieben werden so viele aufgespürt, daß die Spötter in Köln angesichts dieser Zahlen behaupten, im Lande Nordrhein-Westfalen führe kein Mensch mehr in seinem eigenen Wagen. Aber so viele Diebe man auch fängt – die Gangster sind nicht dabei.

Außerdem werden Straßenkontrollpunkte eingerichtet, davon allein im Regierungsbezirk Köln 15. Jeder Kontrollpunkt ist mit zehn Beamten besetzt, denen einige Tage später jeweils zwei bis drei Maschinenpistolen übergeben werden. Funkstreifenwagen, zwölf davon im Gebiet von Köln, werden eingesetzt. Köln und Düsseldorf sind von nun des Nachts polizeilich abgeriegelt.

Am 13. November, nach dem elften Überfall, gibt der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Dr. Meyers, an die Polizei die Weisung, auf Wagen, welche die ersten der beiden Kontrollinien eines Kontrollpunktes durchbrechen, zu schießen. Die zweite Kontrollinie wird durch Warnschüsse der ersten benachrichtigt. Und dann passiert auch gleich jener Fall, der am meisten Aufsehen erregt hat. In der Nacht zum 14. November ist die Polizei in Düsseldorf hinter dem Autodieb Walter Verleger her. Der rast mit über 100 st/km aus der Stadt heraus, der Wagen überschlägt sich, Verleger springt heraus und erliegt den Schüssen der Polizisten.

Gehörte er zur Bande? Hatte man da einen Kronzeugen erschossen? Der Fall wird als ,Spur 62’ registriert und dient fortan der Kriminalpolizei als einer der Ansatzpunkte, die zur Aufklärung der Fälle führen sollen.