Da man sich an den Börsen in bezug auf die Beibehaltung des gespaltenen Körperschaftssteuersatzes ziemlich sicher war, konnte ihre nun endgültige Verankerung im jetzt vom Bundestag verabschiedeten Steuerreformgesetz kein Auftriebsmoment mehr sein. Daß jedoch die Kurse einen Tag nach der Annahme der Steuergesetze in ihrer Mehrzahl um einige Punkte zurückfielen, ist eine jener Merkwürdigkeiten, die auf den ersten Blick unerklärlich sind. In diesem Falle war der gespaltene Körperschaftssteuersatz schon in den Wochen vorher vorweggenommen worden, so daß die Spekulation glaubte, nunmehr den günstigsten Augenblick für Gewinnmitnahmen vor sich zu haben. Zu Beginn der neuen Woche erlebten die Aktien einen neuen Kursabschlag.

Was werden die nächsten Börsenwochen bringen? Eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung oder eine lange Ruhepause? Wenn man zugrunde legt, daß eine der wesentlichsten Triebkräfte für die Aktienhausse die anhaltende Liquidität auf dem Geldmarkt gewesen ist, muß man mit stillen Börsen rechnen; denn der Geldbedarf wird sich zum Jahresultimo schätzungsweise um 1,5 Mrd. DM bewegen. Andererseits wird das konjunkturelle Klima günstig bleiben. Sowohl die Stahlindustrie als auch der größte Teil der Verarbeitungsbetriebe verzeichnen steigende Auftragsbestände. Unter diesen auf die Dauer gesehen hoffnungsvollen Aspekten wird sich niemand leichten Herzens von seinem Besitz trennen und deshalb die zum Jahresende notwendigen Mittel auf andere Weise zu beschaffen suchen, unter Umständen durch eine Beleihung seiner Wertpapiere.

Die Montanindustrie wird kaum um Kapitalerhöhungen herumkommen, wenn sie ihre Kapazität der wachsenden Nachfrage anpassen will. Eine Beschaffung der Mittel durch Eigenfinanzierung wird sich auf die Dauer nicht durchführen lassen. In den Kursen vieler Montanpapiere steckt also ein – vorläufig noch unsichtbares – Bezugsrecht, das die Höhe der jetzigen Bewertungen verständlicher macht. Belebt wurde der Markt in der abgelaufenen Börsenwoche durch die Bekanntgabe der Absicht, Hüttenwerke Phönix mit Rheinische Röhren zu fusionieren. Die Kurse beider Gesellschaften wurden heraufgesetzt. Die gebesserte Kohlenabsatzlage hat den reinen Kohlenwerten beachtliche Gewinne gebracht. Stahlverein notieren jetzt Ratenschein 14 (Niederrheinische Hütte) zum Kurse von etwa 66 v. H. Das erscheint keineswegs. überhöht. In nächster Zeit werden auf Schein 15 250 DM Aug. Thyssen-Hütte (pro 1000 RM) ausgeschüttet.

Der Anstieg um 30’/> Punkte bei der aus der GHH hervorgegangenen Beteiligungs-AG Ruhrort auf 325 v. H. ist nur unter dem Gesichtspunkt der Mehrheitskäufe zu sehen. Setzt man den Willen der drei anderen Gesellschaften des GHH-Bereichs voraus, eines Tages wieder zu engeren Bindungen untereinander kommen, so ist es zweckmäßig, sich jetzt bereits den Einfluß auf die alten Beteiligungen zu sichern. Im Bereich der IG-Farben-Nachfolger findet man in Cassella eine Parallele. Auch hier dürften als Käufer die drei großen IG-Farben-Nachfolgegesellschaften auftreten. Cassella stiegen an der Hanseatischen Wertpapierbörse um etwa 15 Punkte an 296 1/2 v. H. Im übrigen brachten Auslandskäufe den IG-Farben-Papieren neue Höchstkurse. Nur die "Liquis" lagen tagelang vernachlässigt.

Bemerkenswert ist der erneute Gewinn bei der Metallgesellschaft (259–283 v. H.). Sicherlich wird der Abschluß für 1953/54 befriedigend ausfallen, aber den ungewöhnlich hohen Kurs kann er niemals rechtfertigen. Bei diesem Papier werden von interessierter Seite Aufkäufe zu jedem Preis vorgenommen. Dagegen hat die Nachfrage nach den wochenlang favorisierten Schiffahrtswerten nachgelassen. Die Hapag-Abschlüsse, die für den Kenner des Schiffahrtsgeschäfts eine angenehme Überraschung darstellten, haben endlich den rosaroten Schleier von diesen Papieren gezogen, durch den weite Kreise des Binnenlandes die Reederei-Aktien bislang betrachtet hatten. Trotz des ungewöhnlich raschen Wiederaufbaues der Flotte, wie er unter dem bisherigen Alleinvorstand Werner Traber vonstatten gegangen ist, darf nichts darüber hinwegtäuschen, daß in der Hapag-Bilanz für 1953 noch ein Kapitalentwertungskonto zu finden ist, das 68 v. H. des Kapitals ausmacht. Eine Zusammenlegung ist also unausbleiblich. Der Hapag-Kurs Bei in den letzten Tagen von 105 auf 72 1/2 v. H. zurück. Am Jahresultimo 1953 stand er bei 45 v. H. Nordd. Lloyd verzeichnen einen Wochenverlust von 13 und Hansa-Dampf einen von 6 1/2 Punkten.

Textilwerte tendierten trotz der Nachrichten über ein italienisches Textildumping freundlich. Tittel & Krüger gewannen 8 1/2 Punkte (132). Bei den Zellstoffpapieren hofft man, daß sich die Holzpreiserhöhungen und in ihrer Folge die Steigerungen des Zellstoffpreises nicht nachteilig auf den Absatz auswirken werden. In Bankaktien war das Geschäft ruhig. Das Bezugsrecht auf die jungen Aktien des Bankvereins Westdeutschland stellte sich auf 29 v. H. Mit 70 v. H. überschritten die Aktien der Dt. Golddiskontbank ihren Höchststand aus dem Jahre 1952.

Bei den festverzinslichen Werten war der Markt für Papiere mit Geldmarktcharakter aufgelockerter. Die Ankündigung neuer öffentlicher Anleihen noch vor Jahresschluß hat beunruhigend gewirkt. Offensichtlich wollen die Länder vor Inkrafttreten der neuen Steuerreform noch einige Vorratsemissionen begeben. Reichlicher gestaltete sich das Angebot ferner in DM-Industrie-Obligationen, die erst auf leicht ermäßigter Basis Aufnahme fanden. Reichsschatzanweisungen wurden zwischen 4,10–4,30 v. H. gehandelt. ndt.

"Vom Lob der Sparsamkeit" handelt ein Band, der Gedanken, Sprüche und Erfahrungsweisheiten aus dem Schatz der Jahrhunderte zum aktuellen Thema des Sparens zusammenfaßt. Er wurde von der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Sparkassen- und Giroverbände und Girozentralen e. V., Bonn, zusammengestellt. – Eine allgemeinverständliche Darstellung der Währungsfragen gibt F. O. Weber in dem Bändchen "Schaffendes Geld"; er erschien im Deutschen Sparkassenverlag, Stuttgart.