g. w., Berlin

Der Sohn des ehemaligen SED-Kaderchefs und Politbüromitglieds Franz Dahlem, der 32 Jahre alte Robert Dahlem, hat sich vor kurzem nach Westberlin abgesetzt. Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni war er längere Zeit in Haft und befürchtete jetzt, wieder verhaftet zu werden. Robert Dahlem gehört nach seiner Flucht zu dem Kreis der Söhne prominenter Ostzonenpersönlichkeiten, die den Weg in den Westen wählten. Das Schicksal sowjetzonaler Größen scheint es zu sein mit ihren politischen Ansichten auf Verständnislosigkeit bei ihren Söhnen zu stoßen und diese aus ihrer Gegenwart verbannen zu müssen

Nach Meldungen des Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen in Westberlin ist der Sohn Josef des westdeutschen KP-Chefs Reimann zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die Lossagung seines 25 Jahre alten Bruders Hugo von seinem Vater hatte allerdings seine Hintergründe in umfangreichenUnterschlagungen, die der filius in der Sowjetzone begangen hatte.

Bemerkenswert ist das Verhältnis, das Bert Brecht, der bedeutendste Literat, den das kommunistische System für sich in Anspruch nehmen darf, zu seinem Sohn Stefan pflegt. Vater und Sohn bedeuten sich nichts mehr. Stefan Brecht verzichtete darauf, seinem Vater in die Ostzone zu folgen, sondern begann in Paris zu studieren. Nach vielen Briefen ließ er sich 1953 herbei, dem Vater einen Besuch in Ostberlin abzustatten. Umfangreichen Besichtigungen volkseigener Betriebe, endlosen Gesprächen mit SED-Funktionären und dem Zureden der Eltern gelang, es nicht, Stefan im Osten zu halten; Er fuhr nach Paris zurück und emigrierte vor einigen Wochen in die USA. Seitdem ist der Briefverkehr mit seinem Vater vollends eingeschlafen. Bemerkenswert ist, daß Stefan Brecht in Paris nicht einen Franc von dem stattlichen Tantiemenkonto seines Vaters abhob, obwohl er immer wieder dazu aufgefordert wurde.

Vater Ottos Kummer

Daß der aus erster Ehe stammende 38 Jahre alte Sohn des Ministerpräsidenten Grotewohl, Hans Grotewohl, als Parteiloser in Ostberlin lebt, ist immerhin erstaunlich. Vater und Sohn sehen sich nur selten, seitdem alle Versuche Vater Ottos fehlgeschlagen sind, seinen Sohn für die Partei zu werben. Hans Grotewohl schlägt sich als kleiner Bauingenieur mit seiner Familie im Entwurfsbüro Nationales Aufbauprogramm recht und schlecht durchs Leben. Hans Grotewohls Chef ist der Pankower Hofarchitekt Hermann Henselmann (SED). Henselmanns 18jähriger Sohn Michael flüchtete 1953 in den Westen.

Wenn im Zuchthaus Torgau die Essenkellen der Kalfaktoren klappern, wird auch der 40jährige Häftling Kurt Ebert unruhig. Zur gleichen Zeit mag sich in Ostberlin sein Vater, der Ostberliner Bürgermeister Friedrich Ebert, der außerdem noch wohlbestallter Präsident der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft und Mitglied des Politbüros der SED ist, mit gesundem Appetit an seinen wesentlich reichhaltigeren Mittagstisch setzen. Die sowjetischen Freunde des Oberbürgermeisters haben seinen Sohn als Spion und Agent zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, und Friedrich Ebert findet das durchaus in Ordnung. Bisher hat er noch keine Zeile oder gar ein Lebensmittelpaket in das Zuchthaus geschickt. Dieses Verhalten empfindet man beinahe folgerichtig, wenn man die erstaunlichen Schimpfkanonaden liest, die Ebert im Auftrage der SED gegen das Andenken seines toten Vaters, des ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, richtet.