Harte Sitten gibt’s auf der Welt: zieht da doch der sizilianische Weinbauer Casimiro Badalamenti aus seinem Heimatdorf weg und tut sich mit der lockeren Schwalbe Concetta zusammen. Heiraten will er sie nicht, bloß Kinder möchte er von ihr. Concetta gibt sie ihm auch, drei an der Zahl. Das ist der Beginn des Romanos von:

Livia de Stefani: "Der Weinberg der schwarzen Trauben", Victoria Verlag Martha Koerner, Stuttgart, 246 S., 12,80 DM.

Aber wo den Konfliktstoff hernehmen, blieben sie alle zu Hause? Die Autorin ist um Rat nicht verlegen: die drei müssen weg, zu fremden Familien. Jetzt kann es losgehen. Und richtig, als Casimiro so zehn Jahre später seine Rangen zurückholt, was reißt da ein? Ein glatter Inzest. Zwar hatte der Bruder, als es passierte, schon vorsorglich eine Kette ums Bein, doch die Schande zeitigt trotzdem Erfolge, und verdrossen schubst Casimiro die mißratene Tochter unter den heranbrausenden D-Zug, während der sündige Sohn die Kette im Bein mit der Zuchthauszelle vertauscht. "... erinnert stark an die Schicksalsverflochtenheit altgriechischer Dramen", steht auf der Umschlagklappe zu lesen. Armer Äschylos!

Auch unterm Vesuv wohnen schrullige Leute. Doch es gibt ein probates Mittel, selbst noch die ausgefallensten Schrullen literarisch glaubhaft zu machen: Man beläßt ihre Träger im Alltag, man verzichtet aufs hochgestochene Pathos schicksalsgeballter Schauerdramatik und hält sich ans Leben. Guiseppe Marotta hat das getan; und siehe, das Leben wird Dichung..

"Das Gold von Neapel", Karl Rauch Verlag, 253 S., 9,80 DM.

Das Gold von Neapel sind seine Bewohner. Sie ähneln alle jenem buckligen Don Ignazio ein wenig, der als erstes nach einem schweren Luftangriff ein neues Gebiß beantragt, "da ich ohne dieses meine Pfeife nicht rauchen kann"; das heißt: sie wissen sich abzufinden. Sie rackern sich kaputt, der Tod wohnt gleich nebenan; ihre Sünde kniet züchtig vorm Beichtstuhl, und ihre Frömmigkeit umrankt den Bettpfosten so gut wie den Bratpfannenstiel. – Formal muten diese sechsunddreißig liebevoll auf Hochglanz polierten Erinnerungsscherben oft ein bißchen allzu zerbrochen an, der Autor hatte offenbar keine Lust, sie zu Geschichten zusammenzufügen. Das ist schade; es steckte der Stoff zu einem modernen Decamerone in diesem Buch.

Manchmal scheint auch der liebe Gott beim Schreiben von Büchern beteiligt zu sein. Daß er bei Francis Jammes’ Romanen die Hand mit im Spiele hatte, ist zum Beispiel schon längst kein Geheimnis mehr. Nun aber hat er, fast in der gleichen Ecke Südfrankreichs, auch noch einem anderen Dichter die Feder geführt: Henri Bosco. Die Melodie seines Romans