Paris, im November

Wenn er selbst seine Beerdigung organisiert hätte, dann wäre es ein rauschendes Fest geworden – die prächtigste Schau aller seiner Kollektionen", sagte traurig ein Mannequin in der verlassenen Empfangshalle des Hauses Fath und fügte hinzu: "aber von uns hat keiner den Mut dazu." – Es ist sicher, Fath hätte es gewagt und die schönsten Mannequins und die erlesensten Modelle ausgesucht und seinen Sarg hell und leicht drapiert, denn zu ihm passen keine Trauer und keine Tränen. Aber nun konnte er nichts mehr anordnen, und so wurde ihm kein Fest, aber eine fürstliche Trauerfeier bereitet.

Ein langer Zug folgte dem Sarg, Freunde, Bekannte, alle die Großen aus dem Reiche der Mode, dazu Fürstlichkeiten und Diplomaten, Schriftsteller und Künstler und viele Damen der großen Pariser Gesellschaft. Dicht drängten sich die Mensehen, um ein letztes Mal Jacques Fath zu grüßen, und Trauer war in den Zügen auch schlicht und einfach gekleideter Frauen, die am Straßenrand warteten und sicher nie auch nur im Traum daran gedacht hatten, jemals ein Kleid von Fath zu besitzen. Paris nahm Abschied von einem seiner Lieblinge. Es war ein Herbsttag mit Sonne und diesem seltsam verführerischen Licht, das Fath so besonders liebte, weil es den Frauen so schmeichelt.

Noch niemals hat der Tod eines Modekünstlers soviel Anteilnahme gefunden. Die meisten seiner großen Vorgänger waren unbeachtet verschwunden, das Publikum hatte sie schon bei Lebzeiten vergessen. Sogar der berühmte Paul Poiret, dem man als erstem den Titel "König der Mode" gab, weil er in seiner Glanzzeit 1925 mit ungewohntem Aufwand und Prunk und ungewöhnlichem Luxus seine Modelle vorführte, starb wenige Jahre später einsam in einer armseligen Mansarde. Der Begriff "König der Mode" ist seitdem zu einem Modewort geworden. Bei Fath aber hatte man wirklich das Gefühl, daß ihm dieser Titel mit Recht zukam,

Fath wurde mitten ausseinen Erfolgen, aus neuen Plänen herausgerissen. Viel hat man über ihn geredet, getuschelt, geschrieben; er wurde beneidet, bewundert, geschätzt und gefürchtet. Für die einen war er ein Märchenprinz ewig jung, immer schön, immer strahlend; für die anderen: nur ein exzentrischer Fant. Wenige ahnten, wie vieles, was sie über ihn dachten und sprachen, von diesem Jacques Fath selbst suggeriert worden war. Fath wußte, daß man immer die Leute in Atem halten muß, um nicht dem Schlimmsten zu unterliegen, das ein Modehaus treffen kann: vergessen zu werden von den Neuigkeitssüchtigen in der schnellebigen Welt.

"Die Leute dürfen nicht eine Woche lang meinen Namen vergessen" – das war sein Leitmotiv. Mit seinen bizarren Modellen, die in keiner Kollektion fehlten, mit seinen Maskenbällen und seinen glänzenden Empfängen trug er bewußt der Neugier und der Sensationslust des Publikums Rechnung.

Fath bleibt eine der auffälligsten Erscheinungen, die die Haute Couture je gekannt hat. Mit zäher Energie, viel Phantasie, seltenem Können und glänzender Organisationsfähigkeit hat er sich sein Königreich aufgebaut. In diesem Reich war Fath alles in einer Person: sein eigener Schatzmeister – und das mit sehr viel Erfolg –, sein eigener Zeremonienmeister und vor allem: sein eigener Hofnarr. Ein Kobold, der nur nach Lust und Laune zu leben schien, der aber mit ungeheurem Ehrgeiz und nie erlahmender Arbeitslust sich zielbewußt Weltnamen und Vermögen eroberte.