In den gedruckten Verhandlungsberichten des Senats über jene Vormittagssitzung des 10. November dauert es 243 Zeilen, ehe Watkins mit der Hilfe des fraglichen Senators aus Süd-Carolina und vermittels einiger anderer Zeitungsauszüge den wahren Sachverhalt klargelegt und vornehmlich die Behauptung zurückgewiesen hat, die Mitglieder seines Ausschusses hätten als Richter gesessen. Die Auseinandersetzung entbehrt der Schärfe nicht. Der weißhaarige, streng dreinblickende Herr aus Utah (ein Mormone übrigens) läßt sich von McCarthy nicht unterbrechen, und McCarthy versucht, ihn nicht ausreden zu lassen. Mehrmals schon hat der Präsident der Versammlung die Zuhörer zur Ruhe ermahnen müssen und zur Enthaltsamkeit, was Beifall oder Unwillen anbetrifft. Es ist zwölf Uhr fünfzehn. Der Fraktionsführer der Republikaner, Senator Knowland aus Kalifornien, weist auf Watkins’ Gesundheitszustand hin und schlägt eine Mittagspause von einer Dreiviertelstunde Länge vor. Die meisten erheben sich von ihren Sitzen, es gelingt McCarthy jedoch noch einmal, mit dem Knarren seiner Stimme die Unruhe zu übertönen und eine letzte Frage anzubringen. Während die Kollegen bereits in den Gängen stehen, holt er weit aus und schürzt den Knoten bedächtig und beschuldigt schließlich Watkins, einem bekannten Zeitungsmann seine Abneigung gestanden zu haben dagegen, McCarthy die Hand zu schütteln und dabei photographiert zu werden. Ist das nicht ein schlagender Beweis von Befangenheit?

Die Antwort des Senators von Utah besteht aus neun Worten. Seine Stimme ist kalt mit Verachtung, sein Gesicht ist schlohweiß vor Übelkeit und Zorn. McCarthy wendet sich, ohne nur hinzuhören, einer Gruppe von Freunden zu, die noch eine Weile stehenbleibt unter dem hohen weißen Lichtoval, in dem der amerikanische Wappenadler schwebt. Die demokratischen Senatoren haben den Raum verlassen. Außer den drei Demokraten, welche Mitglieder des Watkins-Ausschusses waren, halten sie sich zurück und greifen selten in die Debatte ein. Das ist zuvörderst ein Kampf der Republikaner untereinander, ein Kampf des liberalen Eisenhowerflügels gegen die Ultrarechte, aber auch eine Auseinandersetzung zwischen den echten Konservativen, welchen die Bewahrung der Sitte und der Freiheitsrechte am Herzen liegt, und den Radikalen, die unter dem patriotischen Mäntelchen der Verfolgung von Verrat und Kommunismus die Verfassung durchlöchern und durchsieben möchten. Am Ende werden die demokratischen Senatoren den Ausschlag geben, aber vorläufig beschränken sie sich nicht ohne Zeichen der Schadenfreude auf die Beobachtung des unerhörten Bruderkampfes in der gegnerischen Partei.

Senator Knowland, der Fraktionsführer der Republikaner, zieht McCarthy zur Seite. Die Köpfe der beiden sind fast unter der Brüstung der Pressegalerie: ich sehe von oben die Boxernase des Senators von Wisconsin in starker Verkürzung, von dem massigen Kinn des Kaliforniers sehe ich nichts, auch seine Stimme ist nicht zu verstehen, wohl aber sehe ich Knowlands Hände: Mal schlägt er sich mit der linken Faust in die Handfläche der Rechten, mal macht er abwehrende, dämpfende Bewegungen mit den Flächen der Hände nach unten, dann wieder vollführt er einen plötzlichen Stoß mit der Rechten – und scheint so ein ganzes Arsenal von Manövern darzustellen, dessen sich der umfochtene Kollege im Verlauf der Debatte bedienen kann. McCarthy hört schweigend zu. Die Köpfe verschwinden unter der Brüstung. Die Galerien leeren sich. Der Auftakt eines ungewöhnlichen und folgereichen Verfahrens ist vorüber. Sekretärinnen tragen Körbe von Briefen in die Büros der Senatoren – die Schreiber verlangen in ihrer großen Mehrheit und in starker Sprache, man möge dem Patriotismus des mutigen Mannes freien Lauf lassen, statt ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Abordnungen von McCarthy-Anhängern, besonders aus den irisch-katholischen Kreisen der Ostküste, treffen in Washington ein. Sie tragen Plakate mit der Aufschrift "Gebt Joe die Kongreß-Verdienst-Medaille, statt einer Rüge". Die zahlreichen Damen der Delegationen sprechen offen über ihren Haß, gegen Watkins, die Liberalen, die Demokraten, die "Rosaroten", die Ike-Anhänger, die Presse, den Rundfunk und überhaupt alles, was "ihm" nicht gefällt. Sie werden am nächsten Abend in der Halle, welche nach der Verfassung genannt ist, zu Tausenden auf den Helden warten, und er wird kommen und sich auf der Rednertribüne die Tränen aus den Augen wischen, nachdem er mit rauher Stimme versprochen hat, daß sein Kampf weiter und weiter und weiter gehen wird, bis das amerikanische Volk gesiegt hat über all seine kleinlichen Widersacher.

Eine Gallup-Umfrage ergibt jedoch zwei Tage darauf, daß die Mehrheit der Befragten von Joe nichts hält. Ein Kern von etwa 35 Prozent ist mit McCarthy zufrieden. Wieviel von diesem Drittel der Nation seine Methoden noch billigen wird, nachdem der Senat sie mißbilligt hat, muß die Zeit lehren.