Die ältere Generation der deutschen Auslandskaufleute kannte noch nicht das Wort Meinungspflege; trotzdem waren sie sich bewußt, daß die öffentliche Meinung ihres Gastlandes, in dem sie lebten und dem sie deutsche Waren vermittelten, nicht gleichgültig für das Ansehen Deutschlands und ihr kaufmännisches Wirken sein konnte. So erbaute die damalige deutsche Kolonie dem uruguayischen Volke einen Musikpavillon, der in Montevideo im Park Rodó in der Nähe des belebten Strandes steht. Sobald und sooft es das Wetter erlaubt, spielen in dem pavillon aleman", dem deutschen Pavillon, uruguayische Musikkapellen südamerikanische und oftmals deutsche Weisen; denn die deutsche Musik erfreut sich – neben der spanischen und italienischen – in ganz Südamerika allgemeiner Beliebtheit. Und da der Park Rodó idyllisch-schön und der Eintritt kostenlos ist, wurden diese Konzerte im deutschen Pavillon ein nicht mehr wegzudenkendes uruguayisches Volksvergnügen, das aus einer deutschen Volkstradition erwachsen war und dank der Initiative der musikfördernden deutschen Kolonie im fremden Lande wieder auflebte.

Der Gedanke, dem Gastlande ein Musikpavillon zu errichten, war nicht ausgeklügelt und deshalb glücklich; denn es war sowohl ein nützliches wie ein unaufdringliches Geschenk, das die deutsche Musik freundlich in Erinnerung brachte. In ähnlicher Weise erweckten die altansässigen deutschsprachigen Siedler in Südbrasilien mit ihren zahlreichen Schulgründungen in den Brasilianern allgemeines Interesse für die deutsche Sprache und die deutsche Wissenschaft. Die deutschen Schulen erlangten in Porto Alegre und um Blumenau deshalb allgemeine Bedeutung, weil diese Schulen, die von deutschen Siedlern, Handwerkern und Kaufleuten aus eigenen Mitteln erbaut und unterhalten worden waren, zugleich die ersten Schulen Südbrasiliens wurden.

Nur derjenige kann für sein Heimatland gute Meinungspflege treiben, der es versteht, sich leicht und schnell die Freundschaft und die Achtung der Menschen seines Gastlandes zu erwerben. Wer in fremden Ländern viele Jahre lebte und dort arbeitete, wer Sitten, Geist und Sehnsüchte des Gastvolkes in sich aufgenommen hat, der allein wird taktvolle und wirksame Meinungspflege betreiben können.

Es gibt Kaufleute, die in den fremden Ländern außer Hotels und Klubs nichts gesehen haben, und die nach jahrzehntelangem In-der-Welt-Gewesensein weniger wissen, als der, der etwa in seinem Heimatland die Freundschaft eines ausländischen Studenten erwerben konnte. So gibt es viele Kaufleute, die Jahrzehnte in fremden Ländern verbrachten, aber weder die Sprache ihres Gastvolkes sprechen noch die Eigenheiten und Sitten des Gastlandes begreifen, weil sie zumeist in englischen, deutschen oder skandinavischen Wohnvierteln "unter sich" lebten, nur in englischen Bars ihren Whisky oder nur in deutschen Restaurants ihr Bier tranken.

Es ist allgemein üblich, daß Repräsentanten eines Landes oder einer Industriefirma fremde Länder von Zeit zu Zeit aufsuchen, um durch Aussprachen engere, persönlichere Beziehungen zu erreichen. Werden aber für solche Missionen nicht wirkliche Persönlichkeiten ausgesucht, so kann es geschehen, daß das Gegenteil erreicht wird, das man angestrebt hatte; denn nur selten können Menschen im Ausland nachhaltige Erfolge erzielen, wenn sie das Land, das sie aufsuchen, bisher noch nicht in seiner geistigen Struktur kannten. Obwohl sie guten Willens sind, werden sie – ohne es zu ahnen – oft mehr Schaden als Nutzen stiften, wenn sie sich nicht durch Landeskundige beraten lassen. So erregte der erste offizielle Wirtschaftsvertreter eines deutschen Bundesstaates vor einigen Jahren unliebsames Aufsehen, als er – sozusagen vom Schiff herunter – zum argentinischen Präsidenten ging, ohne zu wissen, daß er damit schon seinen ersten, verhängnisvollen faux pas begangen hatte. beinicht längere Zeit in Südamerika gelebt hat, kann nicht ermessen, wie sehr die Südamerikaner sich beleidigt fühlen, wenn ein Ausländer, in offizieller Mission kommend, ihre Freiheitshelden San Mann und Bolivar offenkundig nicht kennt oder ihr Andenken nicht zu ehren bereit ist. Dieser deutsche Repräsentant hatte gegen den Brauch verstoßen, den jeder skandinavische und englische Frachterkapitän kennt: einen Kranz vor dem Denkmal des Generals San Martin niederzulegen, was nicht nur als eine Ehrung des Befreiers Argentiniens gewertet wird, sondern die Würdigung aller Argentinier bedeutet, die die demokratischen Freiheiten pflegen...

Die deutsche Industrie und der deutsche Exporthandel, die mehr als ein Jahrzehnt von den Überseeländern abgeschnitten waren, können mit Exportwerbung allein keine nachhaltigen Erfolge erreichen; keinesfalls dürfen sie es unterlassen, umfassende Meinungspflege zu treiben, wenn sie auf einen kontinuierlichen Export Wert legen. Die ausländische Konkurrenz, die im Kriege in die deutschen Überseemärkte eindringen konnte, weiß sehr gut, daß ohne eine echte Meinungspflege keine reibungslosen Handelsbeziehungen zustande kommen. So haben die USA es sich angelegen sein lassen, in fast allen Großstädten Südamerikas nordamerikanische Bibliotheken einzurichten, die wissenschaftliche, literarische und beschreibende Werte in der jeweiligen Landessprache kostenlos ausleihen, wodurch sie den Lesern die Sitten und Bestrebungen des nordamerikanischen Volkes nahezubringen wußten. Sogleich nach Beendigung des zweiten Weltkrieges haben nordamerikanische Unternehmer den südamerikanischen Republiken ihre reichhaltigen privaten Kunstschätze leihweise und kostenlos überlassen, die als Wanderausstellungen in allen lateinamerikanischen Großstädten von hunderttausenden Besuchern begrüßt und geschätzt wurden. In ähnlicher Weise erhält sich Frankreich durch Wanderausstellungen moderner französischer Kunst die Sympathien, die es besonders in Südamerika genießt, während Spanien und Italien durch seine zahlreichen Schauspieltruppen eine kontinuierliche, eindrucksvolle Meinungspflege betreiben.

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hat Deutschland nur wenige Versuche unternommen, um die öffentliche Meinung der überseeischen Exportländer für sich zu interessieren und zu gewinnen. Dagegen gelang es Italien durch seine wirklichkeitsnahen und menschlichen Filme in einem einzigen Ansturm, die faschistische Epoche Italiens vergessen zu machen und die Achtung der lateinamerikanischen Völker sehr schnell zurückgewinnen. Günter Berkhahn