George Orwell, Verfasser der "Farm der Tiere" und des Zukunftsromans "1984", spricht von der idiotischen Angewohnheit, die wir heute haben, "uns mit großen Gruppen zu identifizieren und alles als Kampf um ein Prestige aufzufassen", und er spricht von den "Nationen, die allen Ernstes glauben, daß Rennen, Springen und Treten eines Balles Tests für Nationaltugenden sind",

George Orwell ist tot; er war ein Pessimist. Dennoch sollten wir uns ein bißchen von seiner Skepsis zu eigen machen. Wie steht es mit der "völkerverbindenden Wirkung des Sports", von der man uns so viel erzählt und an die wir so gerne glauben? Hier ist Orwells Antwort, geschrieben im letzten Jahr vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges: "Wer zu den vielen feindschaftlichen Gefühlen, die heute die Welt erfüllen, noch beitragen will, könnte ein solches Ziel kaum besser erreichen als durch eine Reihe von Fußball-Länderspielen zwischen Juden und Arabern, Deutschen und Tschechen, Indien und Großbritannien, Rußland und Polen, Italien und Jugoslawien, jedes vor 100 000 Zuschauern verschiedener Nationalität." – Glücklicherweise ist die Geschichte des Sports nicht arm an Beispielen, die beweisen, daß Orwell übertreibt. Übertreibt er sehr stark? Ich frage es mich jetzt, wo das Länderspiel Deutschland–England, das im Londoner Wembley-Stadion am 1. Dezember abrollen soll, seine Schatten vorauswirft. Der erste Schatten: Verärgerung all derjenigen, die keine Eintrittskarten kriegen können. Der zweite Schatten: Ein langer Artikel in Beaverbrooks "Evening Standard" über die gemüterhitzende Frage, wo denn all die Eintrittskarten geblieben seien; und die verblüffende Antwort: in Deutschland. Der dritte Schatten: Gerüchte der "Daily Mail", Deutschland habe wegen Erkrankung der Weltmeisterelf um Absage des Länderkampfes gebeten ...

Um zu Orwell und seiner pessimistischen Philosophie des Sports zurückzukehren – er schreibt: "Ich bin jedesmal erstaunt zu hören, wenn die Leute sagen, der Sport schaffe guten Willen zwischen den Völkern, und wer auf dem Sportplatz zusammentreffe, sei dadurch weniger geneigt, auf einem Schlachtfeld zusammenzutreffen." Orwell bedient sich hier des bekannten rhetorischen Tricks, das Argument, das er widerlegen will, in seiner schwächsten Form zu präsentieren. In voller Stärke lautet das Gegenargument etwas anders. Nicht daß sportliche Auseinandersetzungen zur allgemeinen Verbrüderung führen müßten, wird behauptet, sondem daß massenpsychologisch internationale Wettkämpfe, die mit Verstimmung und angeschlagenen Schienenbeinen enden mögen, an die Stelle von anderen Auseinandersetzungen treten können, die Zerstörung von Menschenleben und Einäscherung von Städten zur Folge haben. Auch dieses Argument hat in England einen großen Fürsprecher, und ich finde den Gedanken beruhigend, daß der, der es vertritt, ein größerer Philosoph ist als George Orwell. Bertrand Russell sagt: "Die Instinkte, die früher unsere wilden Vorfahren zur Jagd und zum Fischfang trieben, verlangen nach einem Betätigungsfeld; wenn sie nichts anderes finden können, verwandeln sie sich in Haß und Bösartigkeit. Aber gerade für diese Instinkte gibt es Betätigungsfelder, die frei vom Bösen sind. An die Stelle von Vernichtungskampf kann Wettbewerb und aktiver Sport treten." Rudolf Walter

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Allmählich scheint bei unseren deutschen Sportlern Vernunft und Einsicht einzukehren. Riefen sie bisher stets den Geldgeber Staat um Hilfe an – oft genug vergeblich –, so scheinen jetzt einige verantwortliche Funktionäre der Fachverbände und Sportbünde darauf gekommen zu sein, daß es besser ist, sich selbst zu helfen. Eine Gefahr ist doch nicht zu leugnen: Stellen Bund oder Länder dem Sport Geldmittel zur Verfügung, dann wollen sie auch an der Verantwortung bei der Ausgabe der Mittel mittragen. Wer Geld annimmt, begibt sich der persönlichen Freiheit der Entscheidung bei der Verwendung des Geldes. Gut also, daß der Bayerische Sportverband tief in die eigene Tasche griff, um zu den hohen Kosten beizutragen, die unsere Olympia-Vorbereitungen für Melbourne 1956 erfordern. Der Bayerische Landessportverband hat 100 000 DM dem Nationalen Olympischen Komitee zur Verfügung gestellt, eine Summe, die eigentlich den angeschlossenen Vereinen zugute kommen sollte. Nun werden ja wohl auch die Westfalen, die Hessen, Rheinländer und Niedersachsen und alle übrigen Landesbünde diesem Beispiele folgen und mit vereinten Kräften dem NOK helfen, seinen vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden. Da die deutschen Toto-Gesellschaften ihrerseits auch noch mehr als 300 000 DM stifteteten, und Mäzene noch nicht ausgestorben sind, darf man hoffen, daß alles glatt laufen wird. Diese Vorausleistung des Sports wird seine Wirkung bei der Bundesregierung schließlich auch nicht verfehlen.

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Nachdem vor Jahr und Tag Hamburg den Amateursport gänzlich von der Lustbarkeitssteuer befreit hat und dem Berufssport nur eine geringe Quote aufbürdete, ist nunmehr auch in Niedersachsen ein gleiches Gesetz verabschiedet worden. Die Amateurvereine brauchen für ihre Veranstaltungen keinen Pfennig an Steuern mehr zu zahlen, und die zehn Prozent, die auf Berufssportkämpfen liegen, sollen den Gemeinden zufließen, damit sie nun endlich Geld in die Hand bekommen, um Sport- und Spielplätze, Turn- und Schwimmhallen zu bauen, nach denen nicht nur die organisierten Sportler seit Jahren rufen. Dieses Geld wird sich bestimmt bezahlt machen, denn was man für die Jugend schafft, trägt seinen Wert in sich. W. K.