Von Hans Joachim Moser

Der Kölner NWDR hat verdienstlich eine erhebliche Reihe alter Tonwerke durch sein fallweise zusammentretendes Sonderensemble Capella Coloniensis möglichst stilecht wiedergegeben und auf Schallband aufnehmen lassen. Bei der dort vor kurzem stattgefundenen Generalversammlung der "Gesellschaft für Musikforschung" wurden davon reiche Proben den zahlreich erschienenen Musikgelehrten vorgeführt, woran sich ein fruchtbares Gespräch knüpfte, das Professor Hans Engel (Marburg) eröffnete und schloß. Wenn solche Diskussion die Probleme der Aufführungspraxis in den Mittelpunkt rückte, so bilden sie doch nur einen kleinen Teil musikwissenschaftlicher Gesamtbemühung: die philologische Bereitstellung der Notentexte, die psychologische Analyse des Tonsetzerwillens aus den Denkmälern, schließlich der deutende Zusammenbau solcher Aussagen zur Darstellung musikalischer Zeit- und Künstler- sowie Gattungsgeschichten sind das eigentliche Ziel; aber das echte Klanggewand, Zeitmaße, Dynamik, Akzentanordnungen, Handhabung der Versetzungs- und Verzierungszeichen müssen helfen, daß keine Fehlurteile unterlaufen. Da ergibt sich eine Fülle von Fragen: Besetzungsstärken, Wiedererweckung ausgestorbener Instrumentengruppen oder -typen, Ort und Zweck des voreinstigen Uraufführungsraumes klären nur erst die äußeren Voraussetzungen. Weit schwieriger die Frage der geistigen Bezogenheit: die äußerste "Stilechtheit" bringt solche Werke unserer Hörgewohnheit nicht näher, sondern vergrößert in Wahrheit den Abstand – selbst wenn wir uns die Allongeperücken der Bach- und Händelzeit aufstülpten, könnten wir doch nie die Hör- und Welterfahrungen seither aus uns eliminieren. Ein ähnlich kaum lösbarer Rest bleibt der Zweifel, welche Mischungsquote zwischen objektiver Gebundenheit und Subjektiv-Individuellem beim jeweiligen Meister längst verrauschter Jahrhunderte als ihm ideal vorschwebend anzunehmen sei. Quellenmäßig läßt sich da vielerlei Widersprüchliches "beweisen"; und sobald sich der heutige Interpret auf eigene Erschütterung beruft, meldet sich oft nur "der Herren eigner Geist".

Zu solchen Gleichungen mit mehreren Unbekannten gesellt sich ein weiterer Unsicherheitsfaktor: vielleicht überspringt durch innere Stilverwandtschaft, durch geistesgeschichtliche Parallelität, durch instinktive Ähnlichkeit der Situation doch ein Funken hie und da den Abstand vieler Jahrhunderte? So wollte man bei uns um 1920 den beängstigten Warenhaus- und Fabrik-Massenmenschen den verschreckten Deutschen der Letztgotik spenglerisch gleichsetzen, was sich wohl inzwischen allgemein als irriger Anschein herausgestellt hat, wenngleich daraus fruchtbare Anstöße kunstproduktiver Art erfolgt sein mögen. Immerhin: die Schützbewegung im heutigen Deutschland, die jetzt auch nach Skandinavien und Holland überspringt, beweist die Dauerzündkraft wahrer Genialität trotz weiter Zeitabstände, obwohl alles derartige "Verstehen" notgedrungen auch manches Mißverstehen ohne viel Schaden mit sich trägt. Aber es ist ja eine Güte des Schicksals, daß die großen Kunstwerke und Künstler bei aller Esoterik dennoch wesentlich weiter "reichen", als es oft ihrer bewußt gewollten Zuständigkeit entspricht.

Zum Glück beschäftigt sich mit Alter Musik heute nicht nur der Erkenntnisdrang der Historiker, sondern auch der Erlebnishunger und der Kunstsinn weiter praktisch musizierender Kreise. Singbewegung, Laienspielgruppen, Kirchenchöre pflegen Chorlied und Madrigal, Kammersuite und Motette, die alte Orgelmusik erklingt neu in den Gotteshäusern beider Bekenntnisse, selbst das Dilettantentum geht mit vielfach erstaunlicher Kennerschaft (hier die Berufsmusiker nicht selten rigoros übertreffend) den Erkenntnissen der Musikwissenschaft nach. Es verschlägt dabei nicht viel, daß hier manchmal statt rekonstruierter Kurzhalsgeigen übliche Violinen, statt bündetragenden Gamben Violoncelli, statt alter Blockflöten moderne Böhmflöten, statt Clavichord und Cembalo das Pianoforte verwendet werden – besser die heutigen Klangwerkzeuge stilvoll als die alten stillos gehandhabt! Eine zweite Konsumentengruppe, die nicht wie die vorige sich an der Zeitferne mit ihrer klareren Luft erbaut, sondern aus der Vergangenheit Zukunft saugen möchte, stellen die Komponisten neuer Musik dar, die seit Kaminski, Hindemith, J. N. David sich durch a-cappellistische Materialaskese oder barocke Konzertmotorik vom zu Gefühligen der Nachwagner-Erbschaft restlos freimachen wollten. Tatsächlich haben viele von ihnen durch Liedmesse und Figuralpassion, Passacaglia und Concerto grosso neue Ufer erklommen und spinnen aus uralten Themen zeitnahe Variationen. Solchen darf es weniger um die Aufführungspraxis gehen als um die bleibende, einigermaßen absolute Idee der alten Tonwerke, um deren Ausstrahlung egozentrisch zu Eignem umzuwerten.

Ein Drittes könnte man die Generalmusikdirektoren-Ausmünzung nennen. Hier wird hauptsächlich gefragt, was Monteverdi und Bach, Händel und Gluck durch die Effektauslösung der Pultmatadore noch an Publikumserschütterung herzugeben versprechen. Hier werden musikwissenschaftliche Stil-Erkenntnisse nur widerstrebend soweit berücksichtigt, als eine kundige Fachpresse allzu krasse Verstöße kritisch aufspießt. Diese Erscheinung bedeutet einen (wie Friedrich Blume sagt) "Stilüberhang" aus dem neunzehnten Jahrhundert, der bald von Ernsthafterem resorbiert in werden verdiente. Bezeichnend war, daß bei jenem Kölner Gespräch, das Professor E. Nick, Dr. Seydler und dem etwas schüchtern kommentierenden Dr. Gröninger zu danken war, nicht einer der dreißig rheinischen Taktstockgewaltigen zugegen war, um sich an den großenteils dem Herforder Schützfest entstammenden, meist sehr reizvollen Aufnahmen zu belehren. Vielleicht zieht man das nächste Mal auch Dr. Fred Hamels "Archiv" der Deutschen Grammophongesellschaft zu fesselnden Vergleichen heran.