Washington, im November

Ich habe das Gesicht des jüngeren Senators von Wisconsin, Joseph McCarthy, häufig aus nächster Nähe betrachten können. Die Fernsehkamera lieferte es in Großaufnahme und kostenlos ins Haus. Wie die meisten Amerikaner kenne ich dieses Gesicht fast auswendig: die Nase, die Spuren früheren Boxens aufweist. Die Augen, die das Wunder vollbringen, zu gleicher Zeit höchst lebendig und fast leblos zu wirken (einer der bekanntesten Karikaturisten des Landes gibt seinen McCarthy-Zeichnungen keine Augäpfel). Die dunklen Schatten um das breite, herrische Kinn. Der Mund – fleischig zwar, aber in Momenten der Erregung ein gespannter Strich, hinter dem die Stimme hervorbricht wie aus einer anderen Welt, denn die Lippen bewegen sich nicht dabei. Die schütteren Haare über einer buckligen Stirn, die im Licht der Scheinwerfer immer ein wenig glänzt. Das Lächeln, welches den Eindruck hinterläßt, als habe der dahinter gerade einen anstößigen Witz gemacht. Alles das ist uns aufs intimste bekannt – bis zu der Art, wie der Senator die Lesebrille dozierend vor sich hinhält, mit seinen festen plumpen Fingern, oder wie er sich die Nase putzt – obwohl hier gleich angemerkt werden muß, daß McCarthy solche allzumenschliche Gesten vor der Kamera vermeidet, wenn er kann. Er schiebt dann den Fernseh-Leuten einen Zettel zu: "Bitte, laßt mich zehn Sekunden aus dem Bild, muß Nase schnauben."

Und natürlich kennen wir die Stimme, die zu der Großaufnahme gehört. Sie ist unverwechselbar: sie dringt rauh und kehlig hinter den unbewegten Lippen hervor, ein wenig hinterwäldlerisch, so scheint’s manchmal, meistens jedoch mit einem höhnischen Unterton. Aber kann sie nicht auch ein weinerliches Schwänzchen entwickeln, wenn notwendig? "Lassen Sie mich ausreden. Lassen Sie mich ausreden!" Oder einfach durch das ebenfalls wiederholte: "Her Vorsitzender, Herr Vorsitzender, einen Moment mal." Es ist schwer, sich daneben zu behaupten.

Der republikanische Senator von Utah, Arthur Watkins, behauptete sich jüngst gegen diese Stimme, indem er vor seinem Platz auf einen Knopf drückte und damit McCarthy das Mikrophon abkniff. Watkins war Vorsitzender des Ad HOC-Ausschusses, vor dem der ungebärdige Kollege McCarthy zu erscheinen hatte, um sich von dem Vorwurf zu reinigen, seine senatorialen Vorrechte mißbraucht und seine Gefährten in diesem bedeutendsten und mächtigsten Klub der Neuen Welt wie – nun, wie einen Dreck behandelt zu haben. Watkins war so sehr Vorsitzender, daß er die Fernsehkameras aus dem Sitzungssaal verbannte und den Zuhörern das Rauchen untersagte. Die Kameras waren deshalb außerhalb der hohen polierten Eingangstür aufgebaut, jederzeit schußbereit, und McCarthy verfehlte nicht, in den Sitzungspausen jeweils einige Minuten lang seine eigene Version der Vorgänge zu geben. McCarthy lächerlich gemacht worden als ein living miracle without brains or guts – "ein lebendes Wunder ohne Hirn und ohne Herz".

Hendrickson saß zwei Reihen vor Watkins und McCarthy. McCarthy setzte eine gemacht ernste Miene auf und drohte ihm mit einem Zeigefinger, dann ließ er das Lächeln auf seinem Gesicht erscheinen, das an eine anstößige Geschichte erinnert, ging behaglich mit hängenden Schultern, wie es einem schweren und kräftigen Mann wohl ansteht, zu dem "lebenden Wunder ohne Herz und Hirn" und sprach, über das Pult zu dem Sitzenden gelehnt, einige Worte, die auf Hendricksons Gesicht ein schwach ablehnendes Lächeln hervorriefen. "Seht mal", schien diese Geste besser als alles andere zu sagen, "seht mal, es ist gar nicht so schlimm. Sind wir nicht gute Freude, fast auf du und du?"

Senator Watkins aus Utah beendete seine Erläuterungen zu dem vorgelegten Bericht gegen elf Uhr zwanzig. Er leidet an nervösen Störungen des Magens, fühlte sich an dem betreffenden Morgen wenig wohl und bat deshalb den neben ihm auf sein Stichwort wartenden McCarthy, sich mit Fragen für den Ausschußbericht diesmal kurz zu fassen – eine Bitte, die von McCarthy im Verlauf der nächsten vierzig Minuten zweimal als ein Versuch Watkins beschrieben wurde, sich der Auseinandersetzung mit der Wahrheit zu entziehen. Wie denn überhaupt, was nun kam, eine Art von Musterschau der eigentümlichen Techniken des Senators von Wisconsin darstellte. Zum Beispiel erwartete ein jeder von uns, McCarthy werde zunächst die Rede halten, deren Text er der Presse bereits am Vorabend ausgegeben hatte. Er hielt diese Rede nicht – wohl wissend, daß ihr Tenor und Hauptinhalt bereits durch Zeitungen und Rundfunk im Land bekanntgemacht, worden war. Wir schlossen daraus, daß es ihm nicht darauf ankam, durch die Verlesung seiner Gedanken auf die Senatoren Eindruck zu machen, sondern über die Köpfe seiner Kollegen hinweg ein Klima im Volk zu schaffen, das seiner... fast hätte ich gesagt, seiner Sache günstig ist, aber es muß im Fall McCarthys immer heißen: seiner Person günstig ist. Seine Sache ist immer und vor allem McCarthy und nochmals McCarthy, wie die nicht gehaltene, aber verbreitete Rede erneut verdeutlicht. Einige von uns hatten die betreffenden Sätze daraus bereits unterstrichen vor sich liegen und waren enttäuscht, daß sie den Text nun nicht mit dem Ton der unverwechselbaren Stimme vergleichen konnten. So hieß es in der Rede: "Es ist nicht leicht für einen Mann, zu behaupten, er sei das Symbol des Widerstandes gegen kommunistische Unterwühlung, oder zu sagen, daß in mancher Hinsicht das Schicksal der Nation an sein eigenes Schicksal gekettet sei. Viel einfacher ist es – dessen versichere ich Sie – den Bescheidenen zu spielen und die eigene, persönliche Rolle in diesem Kampf für die Freiheit zu verkleinern. Selbstbescheidung ist immer eine bequeme Haltung. Ich glaube jedoch, daß Sie mich lieber Haltung. als zimperlich haben wollen; ich nehme also an, daß Sie es lieber haben, wenn ich es anerkenne und auf mich nehme, daß McCarthysmus für die Art und Weise steht, wie man mit Verrat und der Bedrohung durch Verrat umspringt."