Von Wolfgang Ebert

Seit einigen Wochen wird an mich dauernd die Frage gerichtet, ob ich in diesem Sommer auch in Portofino war und wie mir die dortigen Schnecken schmecken. Schüttele ich daraufhin beklommen den Kopf und gestehe ich, nicht in Portofino gewesen zu sein und daher auch nicht die dortigen Schnecken beurteilen zu können, kann ich darauf gefaßt sein, nun mit einem Hagel von weiteren südländisch klingenden Namen von Orten überschüttet zu werden, in denen ich ebenfalls, zu meiner Schande sei es gestanden, nicht gewesen bin. Ich war nicht in Alcide, nicht in Grion-sur-bains, nicht auch nur in einem der Hunderte von malerisch-verträumten mittelmeerischen Fischerdörfern, die von meinen Bekannten besucht wurden und wie es scheint, so abgelegen sind, daß man sie nur in einem Mercedes 300 erreichen kann, wenn es auch einige wenige mit einem Opel Kapitän geschafft haben. In allem Freimut muß ich hiermit zugeben: Ich war nicht im Ausland! Ich war überhaupt nicht verreist. Nicht einmal in Deutschland.

Daß ich zu Hause geblieben bin und mich redlich genährt habe, kommt mir teuer zu stehen und ich muß schwer leiden. Vor allem auf Parties und Gesellschaften. Denn alle Gäste und Gastgeber sind irgendwo gewesen und haben unendlich viel zu erzählen. Nur ich nicht. Das macht es für Gastgeber ungemein schwierig, mich überhaupt noch einzuladen und ich bin so zu einem gesellschaftlichen Problem geworden. Während man früher an mir eine gewisse faselnde Geschwätzigkeit sehr schätzte, weil sie viele Gäste – und durchaus nicht zu ihrem Schaden! – daran hinderte, eine eigene Meinung äußern zu müssen, erwägt man heute zweifelnd, ob ich weniger störe, wenn man mich den Jugoslawien-wie-ihre-Taschekennern zugesellt oder mich in die Mittelmeer-per-Schlauchbootmannschaft einreihen soll. Meist kommt man dann auf die Zwischenlösung, mich, zu einem siamesischen Aufkäufer von Schwarzwälder Kuckucksuhren zu setzen, der nur gebrochen englisch spricht und sich entweder – das läßt sich nie genau feststellen – im Einladungstermin oder in der Hausnummer geirrt hat. Wenn sich kein siamesischer Kuckusuhrenaufkäufer in irgend etwas geirrt hat, ist meine Lage ausgesprochen isoliert.

Mein erster Blick, wenn ich nach der Begrüßung, der Gastgeber das Zimmer betrete, gilt den Wänden, um festzustellen, ob mit der Vorführung von Reiseschmalfilmen noch vor dem Essen zu rechnen ist, oder ob solche erst später gezeigt werden, weil dazu erst die Gemälde abgehängt, werden müssen, um die Leinwand aufzuspannen. Ziemlich erfolglos sind all meine Versuche geblieben, wenigstens die erste Stunde des Abends vor der Schilderung von Reiseerlebnissen zu bewahren, indem ich aus heiterem Himmel ein Gespräch über den Kinseyreport beginne, ein Thema, das vor Beginn der Reisesaison, zumindest auf Damen, eine gewisse Anziehungskraft bewiesen hat. Jetzt aber werden: meine guten Absichten immerzu von Portofinofeisenden durchschaut und durchkreuzt. Sie unterbrechen mich nicht etwa – das wäre auch ziemlich schwierig sie beginnen vielmehr zu zweit oder zu dritt in einer Zimmerecke ein Gespräch über ihre Campingerlebnisse auf Sizilien. Da Campingspäße von einer geradezu überwältigenden Komik sein müssen–wenigstens für die Beteiligten –, brechen sie alsbald in schallende Lachgewitter aus und locken damit weitere Campingfreunde – meine bisherigen Kinseyreportzuhörer, herbei, die nun ihrerseits, Lachtränen in den Augen, von ihren Erlebnissen mit zusammenbrechenden Zelten und Gummimatratzen, denen die Luft ausging, berichten, bis ich mich plötzlich allein finde mit meinem Kinseyreport, was ja nicht ganz seiner Bestimmung entspricht.

Während der Abend nun so weiterläuft, wie ich es mir vorgestellt habe, kauere ich mich in eine Couchecke, zünde meine Pfeife an und ziehe mich auf mein Innenleben zurück.

Dort läßt man mich leider nicht lange verweilen, da man vermutet, daß ich mich langweile, IDarum werde ich nun in Gespräche einbezogen, aus . denen ich erfahre, daß es in Alcide ungewöhnlich malerische Fischer gibt, in Recife die besten Langusten, daß man in Reggio nicht am allgemeinen Strand, sondern vier Kilometer nördlich – wo man ganz für sich ist – baden soll, daß Schlauchbootmotore nur gemischtes Benzin vertragen und man auf Elba kein Rotfilter vertragen soll. Sind Themen dieser Art erschöpft – von meinem Zustand sei hier nicht die Rede –, werden nun heitere Zwischenfälle mit Zollbeamten an der spanisch-französischen Grenze, mit Verkehrspolizisten in Parma, mit verkommenen Malern in Portofino, mit prachtvollen Tavernenwirten auf Ibiza zum besten gegeben, die meist eine Pointe haben. Um diese nicht zu verpassen, lache ich meist zweimal: einmal kurz vor der Pointe und einmal, wenn alle lachen.

Nun folgt ein Augenblick, mit dem ich schon lange gerechnet habe. Es werden Photos gezeigt. Irgendeiner hat sie zufällig bei sich, auch die anderen haben zufällig welche bei sich. Oder, sie stürzen in ihre Wagen und holen sie von zu Hause. In meiner Funktion als Weiterreicher dieser Bilder starre ich seit Wochen auf kopftuchbehangene Dorfgreisinnen, auf Sonnenuntergänge, auf inhaltsreiche Badeanzüge und auf Felsenriffe, in denen ich mühsam die Jüngsten der Portofinoreisenden identifizieren muß, die dort Kletterübungen abhalten. Jetzt ist der Moment gekommen, da die sich wild sträubenden Gastgeber aufgefordert werden, ihre Farbreiseschmalfilme vorzuführen, woran sie schließlich höchstens ein Kurzschluß hindern kann, auf den ich aber in solchen Fällen immer vergeblich warte. Ich darf nun auch nicht länger in meiner Couchecke hocken, sondern muß, wegen der besseren Sichtmöglichkeit, auf einer harten Treppenstufe Platz nehmen, von wo aus ich auch nicht mehr nach den Salzmandeln zu angeln brauche. Mit der Vorführung dieser Filme endet ein Abend, den man der Gastgeberin gegenüber beim Abschied als "besonders reizend" zu bezeichnen pflegt. Wie ich nun vertraulichen Hinweisen entnehmen kann, ist man überall von meiner Anteilnahme an Reiseabenden enttäuscht. Es heißt, daß Menschen wie ich, die nicht einmal in Portofino waren, bei allem guten Willen doch immer als Fremdkörper wirken müßten. Darum lichtet sich mein Bekanntenkreis merklich und meine gesellschaftliche Bedeutung sinkt rapide.

Um mich von diesem Makel zu befreien, habe ich schon ins Auge gefaßt, im nächsten Sommer nach Portofino zu reisen. Doch ist es dazu vielleicht schon zu spät. Denn, Hand aufs Herz, wer fährt noch 1955 nach Portofino?