Süd-Vietnam ist praktisch in einem Zustand der Anarchie." Mit diesen Worten schilderte der Abgeordnete Pineau vor dem Finanzausschuß der französischen Nationalversammlung die Lage. Seit der Teilung Vietnams auf Grund des Genfer Waffenstillstandsabkommens seien nicht weniger als 35 000 Soldaten aus der 150 000 Mann starken südvietnamesischen Armee desertiert. Außerdem leiste der größte Teil der einberufenen Wehrpflichtigen dem Gestellungsbefehl keine Folge, da es keine staatliche Gewalt gebe, die sie hierzu zwingen könnte.

Diese Zustände sind eine Folge der offenen Rebellion, die der Oberbefehlshaber des Heeres, General Nguyen Van Hinh, gegen den Ministerpräsidenten Ngo Dinh Diem betreibt. Der in Frankreich erzogene und ausgebildete General, der die französische Staatsangehörigkeit besitzt, strebt nach der Macht und hofft, sie eines Tages mit Hilfe des Heeres unter stillschweigender Billigung durch die Franzosen zu erhalten.

Ngo Dinh Diem dagegen ist im Juni dieses Jahres durch Bao Dai an die Spitze der Regierung berufen worden, obwohl er als glühender Nationalist nicht zu den Freunden des an der Riviera lebenden Staatschefs zählt. Ngo hat seine Berufung in erster Linie seiner von Freund und Feind anerkannten Unbestechlichkeit zu verdanken. Aber alle guten Absichten seiner Regierung sind wertlos, solange eine machtvolle, rebellische Opposition ihre Durchführung verhindert. Das Volk ist enttäuscht und richtet seinen Blick auf das kommunistische Regime Ho Chi Minhs in Nord-Vietnam. Der rebellierende General Nguyen Van Hinh arbeitete so durch sein Verhalten für Ho Chi Minh. Er hat einen "Zustand der Anarchie" herbeigeführt, den zu beseitigen gerade die wichtigste Aufgabe der Vereinigten Staaten und Frankreichs ist. Voraussetzung hierfür war und ist die Unterstützung des Ministerpräsidenten Ngo Dinh Diem durch beide Mächte. Diese wurde zwar in Washington im September auf ministerieller Ebene vereinbart, aber von untergeordneten französischen Dienststellen in Süd-Vietnam, die den General Nguyen Van Hinh unterstützen, torpediert.

Mit dem Eintreffen des amerikanischen Generals J. Lawton Collins, der als Sonderbotschafter von Präsident Eisenhower nach Saigon entsandt wurde, ist nun eine entscheidende Wendung eingetreten. Collins hat den Auftrag, die Tätigkeit der verschiedenen amerikanischen Dienststellen in Süd-Vietnam zu koordinieren. Damit erhält er auch die Kontrolle über die Verteilung der im Rahmen der amerikanischen Militärhilfe gegebenen Gelder, mit denen der Unterhalt des süd-vietnamesischen Heeres bestritten wird. Diese Hilfe wird in Zukunft nur denjenigen Verbänden zufließen, die hinter dem Ministerpräsidenten stehen. Die erste bedeutende Auswirkung dieser Maßnahme war die Abreise des Generals Nguyen Van Hinh nach Frankreich.

Mit der Entfernung seines mächtigsten Feindes beginnt für den Ministerpräsidenten Ngo Dinh Diem die große Bewährungsprobe. Spätestens im Juli 1956 muß der Volksentscheid über die Vereinigung von Nord- und Süd-Vietnam durchgeführt werden. Bis dahin muß er eine verfassunggebende Nationalversammlung einberufen, eine Bodenreform durchführen, das Schulwesen und den öffentlichen Gesundheitsdienst ausbauen, sowie mit der Eingliederung der Hunderttausende von Flüchtlingen aus Nord-Vietnam in das Wirtschaftsleben beginnen. Alles kommt darauf an. daß es der Regierung in Saigon gelingt, Süd-Vietnam zu einem Land zu machen, dessen Bevölkerung nicht nur in Freiheit leben kann, sondern auch einen höheren Lebensstandard hat als der kommunistische Norden. Nur dann könnte Aussicht bestehen, daß ein wiedervereinigtes Vietnam ein demokratischer und nicht ein kommunistischer Staat wird.

Aber auch auf außenpolitischem Gebiet steht Ngo Dinh Diem vor schwierigen Aufgaben. Die Durchführung des Waffenstillstandsabkommens hat schon jetzt zu Protesten Süd- und Nord-Vietnams bei der Internationalen Überwachungskommission geführt. Die Proteste Süd-Vietnams beziehen sich auf eine Behinderung der im Abkommen zugesagten Übersiedlung von Zivilpersonen aus Nord-Vietnam nach Süd-Vietnam, während die Regierung Ho Chi Minhs gegen die Verletzung ihres Hoheitsgebietes und ihrer Lufthoheit durch französische und amerikanische Kriegsschiffe und Flugzeuge beim Abtransport von Flüchtlingen Einspruch erhob.

In Paris verhandeln gleichzeitig Süd-Vietnam, Laos und Kambodscha, um ihre Beziehungen untereinander und zu Frankreich auf eine neue Basis zu stellen. Hierbei ist es zwischen Kambodscha und Süd-Vietnam zu Meinungsverschiedenheiten über die Benutzung des Hafens von Saigon, der Schifffahrt auf dem Mekong und der Verteilung von Zoll- und Monopoleinnahmen gekommen. Kambodscha drohte damit, die Verhandlungen abzubrechen und die Angelegenheit vor die UNO zu bringen. Die Pflege freundschaftlicher Beziehungen zu Kambodscha ist aber für Süd-Vietnam um so wichtiger, als dieser Nachbarstaat in Genf nicht nur die völlige Räumung seines Gebietes durch die Vietminh durchgesetzt, sondern auch erreicht hat, daß ihm eine gewisse Bündnisfreiheit zugestanden wurde.