Die Aktien der Hansa – Mühle AG, Hamburg, haben sich in diesen Tagen dem Pari-Kurs bis auf einige Bruchteile genähert. Eine bemerkenswerte Tatsache, wenn man bedenkt, daß die Gesellschaft für 1953 einen – allerdings nicht genehmigten – Verlustabschluß vorgelegt und sich den Aktionären seit der Währungsreform von einer sehr zwielichtigen Seite gezeigt hat. Wie schon vor einiger Zeit, so wird auch jetzt wieder einmal um die Positionen innerhalb des Aktienbesitzes gerungen; auf der letzten Hauptversammlung am 23. Oktober vertraten die Neußer Ölwerke Walter Rau, die den Grundstock ihres Besitzes von Oetker erwarben, knapp über 50 v. H. Diese geringe Majorität genügte dem AR-Vorsitzenden Dr. Hubertus Carls, -Schwiegersohn in der Rau-Familie, um als Alleinherrscher bei der Hansa-Mühle aufzutreten und zunächst den alten Vorstand zu dispensieren. Mit der Bilanz von 1953 führte Dr. Carls nun einen neuen Schlag. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Hansa-Mühle im Gegensatz zu anderen Ölmühlen, deren Dividenden meist 8 v. H. betrugen, mit einem Verlust von 1,4 Mill. DM gearbeitet hat. Diese Bilanzierung ist für den Walter-Rau-Konzern sicherlich recht nützlich, aber für die Minderheitenaktionäre ebenso betrüblich. Man kann deshalb verstehen, daß sie mit einer solchen Bilanzpolitik nicht einverstanden sind.

Da für Dr. Carls jedoch nur die "nackte Mehrheit" Gewicht hat, wie er sich kürzlich einmal ausdrückte, sahen sich die beiden Bankenvertreter im Aufsichtsrat (Wilhelm Reinald, Commerz- und Disconto-Bank, und Bankier Erich Sültz) kurz vor der Hauptversammlung gezwungen, ihre Mandate zur Verfügung zu stellen. Sie wollten sich mit einer derart rigorosen Handlungsweise nicht identifizieren. Die HV selbst endete mit einer Vertagung, nachdem Dr. Carls nicht bereit war, Auskünfte über die Punkte in der Bilanz zu geben, in denen offensichtlich das Geheimnis des Hansa-Mühle-Verlustes begraben liegt: Rückstellungen für Subventionsabgaben, Vagnisausgleich und Gewährleistungsansprüche.

Der AR-Vorsitzer war schlecht beraten, als er rundweg jede Bitte um Aufklärung abschlug; denn andernfalls dürfte es ihm mit einigem Geschick nicht schwergefallen sein, die Bilanz trotz Opposition unter Dach und Fach zu bringen. Jetzt ist eine Wiederholung der HV notwendig, wobei sich die Frage erhebt, ob eine geänderte Bilanz vorgelegt werden wird oder ob Dr. Carls es auf die bereits durch die Schutzvereinigung angekündigte Drohung einer gerichtlichen Untersuchung ankommen läßt.

Der hohe Aktienkurs deutet an, daß die Gruppe Walter Rau mit ausgebauter Majorität in den weiteren Kampf steigen will. Vielleicht läßt sie es sich sogar mehr kosten und handelt auf eines der beiden größeren Aktienpakete, die außer dem Rau-Paket existieren. Vom Standpunkt der Neußer Ölwerke ‚wäre ein solcher Kauf natürlich schmerzlich, denn genau um diese Summe verringert, sich das zinslose Kapital, das man durch die freien Hansa-Mühle-Aktionäre im Kampf um den Margarinemarkt so gut gebrauchen kann.

Das Ganze ist ein Musterbeispiel harter Konzernpolitik, die keine Hemmungen kennt, Minderheiten zu majorisieren. Da unsere Wirtschaftsentwicklung jedoch weitgehend Ton dem Funktionieren des Kapitalmarktes abhängt, der durch solche Fälle in seinem Aufbau empfindlich gestört wird, ist es Sache der öffentlichen Meinung, sich des Komplexes‘ Hansa-Mühle rechtzeitig anzunehmen, solange der Weg für eine allen gerecht werdende Bilanzierung noch offensteht. -ndt