Seit mit der Veröffentlichung der 16 vorgewählten Kurzgeschichten begonnen wurde, haben sich viele Leser in Briefen gemeldet und schon jetzt mit Beifall und Kritik nicht zurückgehalten. Die beifälligen Stimmen loben die Qualität dieser oder jener Geschichte, die kritischen dagegen halten sich weniger an Einzelheiten; sie machen einen generellen Vorwurf, der heißt: Sinn dieses Preissauschreibens sollte es sein, etwas zu "entdecken". Nun aber erscheinen die Kurzgeschichten mehr oder weniger bekannter Schriftsteller. Ist da nicht der Sinn des Preisausschreibens verlorengegangen?

Die Redaktion könnte sich die Beantwortung dieser Frage leicht machen. Sie könnte sagen: es sei nach bestem Gewissen unter den über 2000 eingegangenen Arbeiten ausgesucht worden, und es sei nicht ihre Schuld, wenn schon bekannte Autoren die 16 besten Geschichten geschrieben hätten (daß vollkommen unbekannte Schriftsteller bei dieser Vorprüfung sogar ein leichtes Plus vor denen "mit Namen" hatten, ließ sich noch nicht einmal vermeiden: denn jeder entdeckt nun einmal lieber einen "unbekannten" Dichter, als daß er einem bewährten lediglich sein Können attestiert).

Doch so sollte die Antwort nicht erfolgen. Zunächst einmal muß festgestellt werden: von den 16 Autoren, die zu Worte kommen, sind fünf unbekannt. (Bisher wurden drei Arbeiten dieser Gruppe – und zwar die von Armin Dross, Walter Kirchner und Donald Ahrens veröffentlicht.) Weitere vier Autoren konnten zwar schon einzelnes publizieren, wurden aber über einen engen Kreis hinaus bisher nicht bekannt (zu dieser Gruppe gehört zum Beispiel Wolfgang Ebert – die Geschichten der übrigen drei folgen noch). Nur sieben – also weniger als die Hälfte – besitzen in der heutigen deutschen Literatur so etwas wie einen "Namen".

Es gibt aber noch eine viel bessere Antwort auf die kritische Anfrage unserer Leser: die nämlich, daß wir – und doch wohl auch unsere Leser, die sich als Preisrichter betätigen – in erster Linie Kurzgeschichten entdecken wollten und erst in zweiter Linie neue Autoren. Und also läge eine echte Entdeckung auch dann vor, wenn ein Autor der sich bisher durch Romane, Novellen oder Dramen seinen Namen machte, hier als Kurzgeschichtenschreiber auftauchte. Sieht man sich die Liste der sieben so bekannten Autoren daraufhin durch, so ergibt sich: zwei wurden bekannt als Theaterautoren (E. A. Greeven ist der eine, die Geschichte des zweiten folgt noch), zwei verdanken ihren Ruf fast ausschließlich ihren Romanen (Elisabeth Kaiser – die Geschichte des anderen Romanciers ist noch nicht veröffentlicht), einer wurde durch Romane und kritische Essays bekannt (Herbert Eisenreich). Nur zwei Autoren haben als Kurzgeschichtenschreiber einen Ruf.

Ein weiterer kritischer Einwand: einige Leser hätten es lieber gesehen, wenn die Geschichten anonym und ohne über den Verfasser orientierende Vorsprüche erschienen wären. Gerade von dieser bei Preisausschreiben allgemein gehandhabten Praxis der Anonymität aber haben wir bewußt abgesehen. Wir können uns nicht denken, daß unsere Leser-Preisrichter die Aufzählung der Veröffentlichungen eines schon bekannten Autors zu etwas anderem veranlaßt, als zu noch strengerem Maßstab, wir können uns überhaupt nicht vorstellen, daß sich unsere Leser von äußeren Daten maßgeblich beeinflussen lassen. Die Handhabung mit verschlossenem Brief, Kennziffern und geheimnisvollen Buchstaben – dieses ganze übliche Preisausschreibengebaren kam uns einfach ein bißchen albern vor, und wir fürchteten, auch unseren Lesern würde es so ergehen. Deshalb haben wir uns zu der namentlichen Veröffentlichung entschlossen; wir vertrauen fest und wie wir meinen, auch mit Recht – auf die Objektivität unserer Leser. p. h.