Von Donald Ahrens

Donald Ahrens lebt in Hamburg und ist Reporter für Illustrierte und Zeitungen. Literarische Arbeiten hat er bisher nicht veröffentlicht.

Als das Schild Minerspeak in Sicht kam, regnete es immer noch. "Hast du die Hausnummer?" fragte ich Henry. Statt einer Antvort zeigte er nach vorn. Hinter den ersten Häusern machte die Straße eine Biegung, und an dieser Stelle standen zwei große Limousinen. Dort mußte es sein. Als wir hielten, sahen wir durch ein Fenster einen Polizisten, der in den Regen hinaussah. Er hatte seine Mütze auf dem Kopf, und Henry sagte: "Was hab ich gesagt – hier ist es."

Der Chef der Mordkommission stand im Verkaufsraum und aß gedankenverloren getrocknete Aprikosen aus einer Kiste. Die Tür zum Nelenraum stand auf. Zwischen umgestürzten Kiserollen, Konservendosen und über den Böden verstreuten Kartoffeln lag ein Mann, oder besser: die Leiche eines Mannes. Am Rande der Blutlache, in der sein Kopf wie eine Insel ruhte, lag eine zertretene Tafel Schokolade. "Ja," sagte der Chef, nachdem er die Zigarre umständlich in sein Etui gesteckt hatte, "gegen Mitternacht hörte er", seine Kopfbewegung deutete auf den Toten, "Geräusche. Dann kam er in den Lagerraum, um die Einbrecher mit seinen bloßen Händen zu fangen." Er führte uns bis an die offene Tür. "Und da bekamen es die beiden Jungs mit der Angst und zogen eine Pistole – aus. Die Täter sind entkommen." Wir fragten ihn, was geraubt wurde. Er zog sein Etui und nahm die Zigarre heraus. "Fünf Flaschen Bier", sagte er, "aber den Text besprechen wir noch, ich habe nämlich etwas gefunden, was mir die Täter portofrei ins Haus liefert... wenn ihr es nicht druckt." "Moment mal, Chef", sagte ich, "wir brauchen ein Bild von dem Toten mit einem Angehörigen." Der Chef ging wortlos auf eine Tür zu, öffnete sie und sagte: "Frau Peddersen ..."

Eine dunkle Frau, die wie eine alte Indianerin aussah, kam langsam näher. "Madame", sagte der Chef, "die Presse wird uns helfen, die Täter zu fangen." Sie nickte still und hielt die Hände gefaltet. "Madame", begann der Chef aufs neue, "eigentlich fängt nicht die Polizei die Täter, sondern das Publikum. Damit aber die anderen Menschen mitarbeiten, müssen wir ihnen sagen, daß Frau Peddersen um ihren Sohn weint. Dann fühlt das Publikum mit Ihnen, und die Polizei erhält die Hinweise, wer’s gewesen ist." Sie nickte wieder und sah auf meinen Photoapparat. Dann ging sie mit kleinen Trippelschritten zu dem Toten und kniete bei ilm nieder. Ein großartiges Bild!

Das grelle Blitzlicht bildete noch Kreise in meinen Augen, da kam aus der Tür, die vom Lagerraum nach hinten führte, ein Mädchen, vielleicht eben zwanzig, blond, zart. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und hielt die Finger krallenartig verkrampft. "Mutter", sagte sie, "wer ist dieser Mann?" Dabei kam sie langsam auf mich zu, die Finger zum Kratzen erhoben. Ich ging rückwärts, bis ich mit dem Absatz an den Oberschenkel des Toten stieß. Ich darf mich nicht wehren, schoß es mir durch den Kopf. Einen halben Meter vor mir sah ich das Gesicht der wahnsinnig gewordenen Schwester des Toten. Wir sahen uns einige Sekunden in die Augen, und ich überlegte, ob ich mich wohl in sie verliebt hätte, als sie noch normal war. Ich träumte unter dem Mantel der Angst. Die alte Frau Peddersen versuchte zu sprechen, aber nur ihr Mund öffnete sich vergeblich. Dann warf sie sich weinend auf ihre Tochter und schrie: "Nein, Christine." "Ein Tollhaus", ich erinnere mich genau dieses Wort fiel mir ein. Und in diesem Augenblick sah ich in das erstaunte Gesicht des Chefs, der mit einer getrockneten Aprikose in der Hand in der Tür stand. "Bringen Sie die Damen hier raus", sagte ich und ging schnell in den Ladenraum.

Was uns noch fehlte, war eine Tatortskizze. Gerade als wir dabei waren, kam der Wagen, der die Leiche holte. Der Chef ging hinaus. Und ob man’s mir glaubt oder nicht: die andere Tür öffnete sich, und die Wahnsinnige erschien wieder. Henry machte einen Satz zur Tür, und ich stand langsam auf. Ich hätte mich ohrfeigen können, denn der Schlüssel zu der Tür, die sie eben geöffnet hatte, steckte diesseits. Sie blieb vor mir stehen. Plötzlich umarmte sie mich und preßte mich an sich, daß ich kaum atmen konnte, und sagte: "Wolfgang, ich liebe dich." "Ich heiße nicht Wolfgang", sagte ich, ihr über das Haar streichelnd. Aber davon wollte sie nichts wissen, für sie war ich Wolfgang. Sie hielt mich an sich gedrückt, bis die anderen wieder hereinkamen. Sie sah zu, wie ich meine Sachen einpackte und ging dann eingehakt mit mir bis zum Wagen. Der Chef und zwei Polizisten mußten sie festhalten, als ich einstieg. Sie schrie und tobte. "Wolfgang, Wolfgang ..." Als wir ein Stück fort waren, sagte ich zu Henry: "Was wohl aus ihr wird?" Ich konnte an nichts anderes denken, immer wieder sah ich ihre Augen, die so glücklich gestrahlt hatten, als ich sie streichelte. Es war widerlich!