McCarthy ist, was diese "bescheidenen Worte" vielleicht nicht vermuten lassen, in den Kampf gegen die kommunistische Partei in Amerika erst ziemlich spät hineingesprungen, nämlich als er längst entschieden war. Auch sind die Resultate seines Bemühens gleich null, wenn man von der Denunzierung vieler Liberaler beider Parteien absieht. Doch läßt sich eines nicht leugnen: Er hat es verstanden, jede Niederlage, die er gegen Liberale oder Konservative erlitt, als einen Sieg der Kommunisten über Amerika hinzustellen. Er fand in einem mit den Wechselfällen der Weltpolitik wenig vertrauten Volk genügend Leute, die ihm glaubten, daß alle Rückschläge der amerikanischen Politik nur das Ergebnis einer ungeheuerlichen Verschwörung im Weißen Haus und im Außenministerium sein konnten, einer Verschwörung mit dem Ziel, Amerika gebunden an Sowjetrußland auszuliefern. Gern glauben diese Leute, daß er allein und mit bloßen Händen versucht, der Verschwörungs-Hydra einen Kopf nach dem anderen abzuschlagen. Solcher Zuspitzungen der zeitgenössischen Geschichte auf die eigene Person enthielt die nicht gehaltene Rede eine große Zahl; auch was McCarthy während des Restes der Morgensitzung des Senats tat, war nichts anderes als der Versuch, auf die verschiedenste Weise die Überzeugung seiner Anhänger zu unterstützen und zu stärken, daß er das Opfer einer wüsten Konspiration geworden sei, welche ihre Fangarme bis in die gesetzgebende Versammlung der Vereinigten Staaten selbst vorgeschoben habe. Offenbar sei Senator Watkins nur deshalb nicht wohl, weil ihm bei diesem Unterfangen überhaupt nicht wohl sein könne – bei diesem Scheinverfahren, diesem Lynch-Versuch eines Ausschusses, der sich durch seine Kritik an McCarthy unwissentlich zum Handlanger der Kommunisten und zu ihrem unfreiwilligen Agenten gemacht habe.

Zur Technik McCarthys gehört es, sich mit der logischen oder rechtlichen Begründung eines Standpunktes kurz zu fassen. Er widmet seine kostbare Zeit lieber einer Darstellung der abgründigen Gemeinheit und Niedertracht seiner Gegner, er pflegt diese Darstellung sichtbarlich zu dokumentieren. Die Photokopie eines Zeitungsartikels, die Photographie zweier Köpfe dient dazu. In den Augen der Anhänger McCarthys tut es der Beweiskraft solcher Dokumente keinen Abbruch, daß sie sich mehrmals bereits als Fälschungen erwiesen haben.

Ein Brief des Chefs der Bundeskriminalpolizei wurde während der Untersuchungen von McCarthy in der Hand geschwungen und stellte sich als Fälschung heraus. Mit der nämlichen dramatischen Geste hielt er einige Minuten, nachdem Watkins geendet hatte, die Photokopie eines Dokumentes hoch, welches wir von der Pressegalerie nicht erkennen konnten. Damit sollte die vollendete Gemeinheit eines Senatsausschusses unterstrichen werden, welcher sich vor zweieinhalb Jahren mit McCarthys seltsamen Finanzgebaren beschäftigt hatte und von ihm nach Leibeskräften ignoriert und boykottiert wurde, ein Umstand, der eine Rolle spielte in den Klagen gegen McCarthy. Wie aber sollte ein Mensch, der seine fünf Sinne beieinander hat, vor einem Ausschuß erscheinen, welcher als ersten Zeugen gegen McCarthy einen Mann vorlud – "hier halte ich den Beweis in meiner Hand" – welcher kurz darauf in eine Anstalt für Geisteskranke eingeliefert werden mußte? Und wenn das Sechsmänner-Kollegium der Watkins und Konsorten einen solchen Ausschuß und seine Untersuchungsergebnisse ernst nimmt – wirft das nicht ein seltsames Licht auf die angebliche Unvoreingenommenheit, auf die Anständigkeit und Fairneß des Watkins-Ausschussses?

Die Worte "anständig", "fair" und "ehrlich" gehören zur gängigsten Münze in McCarthys Sprachschatz.

Der Senator von Utah ist aber zäh. Die Redezeit ist die seine. Er hat McCarthy erlaubt, Fragen zu stellen – nicht mehr.

Die beiden stehen nebeneinander. Der Zufall hat sie so gesetzt, ehe sie wußten, daß sie, obgleich von einer Partei, in die erbittertste Feindschaft geraten würden. Watkins unterstreicht seine Argumente mit der Linken, McCarthy gestikuliert mit der Rechten, die beiden Hände berühren sich mitunter aus Versehen. Auch müssen sie, wenn sie um den Sinn eines Satzes in Watkins Bericht streiten, hin und wieder in ein und dasselbe Exemplar schauen. Sie zeigen sich die Zeilen mit dem Zeigefinger oder einem Bleistift.

Es ist elf Uhr fünfunddreißig, als McCarthy die nächste Photokopie über seinem Haupt schwenkt. Jener damalige Ausschuß, den er boykottiert hat – und mit wieviel Recht – erdreistete sich, Erkundigungen einzuziehen über die Bankkonten McCarthys, bevor er überhaupt zum Senator gewählt wurde... "welche infame Herzlosigkeit, in den Geschäften meines verstorbenen Vaters zu wühlen, meines Vaters, der längst nicht mehr unter den Lebenden weilt, meines dahingeschiedenen guten Vaters." Er wiederholt das mehrere Male, um auch ja dem Störrischsten auf der Zuschauergalerie den Abgrund der Verworfenheit klarzumachen, die da gegen ihn in Bewegung gesetzt wird. Der Ausdruck verstörter und gekränkter Pietät haftet freilich nicht lange auf McCarthys Gesicht: die Stimme hinter den unbewegten Lippen schweigt, und ein schalkhaftes Lächeln erscheint. Ein Lächeln des geheimen, etwas anstößigen Einverständnisses, hinaufgeworfen auf die Galerie, wo Mrs. McCarthy sitzt: seine ehemalige Assistentin, ein Geschöpf mit einem unbeweglich schönen Gericht. Es gehört zu seiner Technik, es unterstreicht den Charme des wilden Mannes, wenn er, wo immer es geht, zusammen mit "ihr" auftritt und photographiert wird.