Wien, im November

Wiens Staatsoperndirektor Franz Salmhofer leistete dem ihm anvertrauten Institut einen schlechten Dienst, als er kürzlich die Oper "Das Werbekleid" des Komponisten Franz Salmhofer neu einstudieren ließ. Liebe macht blind, sagt man; Eigenliebe macht offenbar auch taub, wäre hinzuzufügen. Wie sonst hätte der Staatsoperndirektor die unechten Töne dieser, trotz gegenteiliger Behauptung gar nicht "heiteren Oper" aus den glorreichen Jahren "ausgerichteter" Kulturpropaganda im klärenden Abstand von rund zehn Jahren nicht wahrnehmen können! Wer es noch nicht aus dem Werk selbst spürte, daß es sich hier um schauerlichste Schwarz-Weiß-Technik nach dem Motto "Der Bauer ist gut – der Städter ist schlecht" handelt, eingehüllt in eine Singsang-Musik von banaler Sentimentalität und niedrigem Geschmack, wurde, dem Charakter des Machwerks entsprechend, "schwarz auf weiß" im Programmheft mit Keulenschlägen belehrt. Da wird in biederer Naivität an Stelle von Einführung und Inhaltsangabe, die einem Programmheft zukommen, eine Lobhudelei geboten, die ihresgleichen sucht. "Weiche Andantemelodien, mild und süß wie Heurigenmusik ... Die Kirchweih, beginnt, der Komponist ist vollends in seinem Element, Sing, Sang und Gloria jubelt in ihm auf..." Und dann des Rätsels Lösung: "Es sind Klänge, in denen die Gefühlssprache unseres Bodens steht (?), die echte, innige, knappe, kernige, heitere. Bäuerliches Wesen als Oper zu gestalten, bedingt, da uns heute Boden und Blut neue, hehre Begriffe geworden sind, gläubiges, demütiges Versenken in die ländliche Seele." 1954? Immer noch? Oder schon wieder? Aber nein, es handelt sich gar nicht um einen anerkennenswerten Mut, für Bekenntnisse weit zurückliegender Tage einzustehen. Man druckte bloß aus Schlamperei einen Artikel des Jahres 1943 ab. Das ist alles.

Es ist aber nicht alles. Denn das "Werbekleid" steht einem der führenden Opernhäuser der Welt auf alle Fälle schlecht. Seine einst für echt ausgegebenen Farben sind schmutzig geworden. Dennoch wurde es eifrig beklatscht, hatte Erfolg. Wie könnte es auch anders sein! Hatte doch die Direktion Proben sonderzahl genahmigt, wie sonst nie, und erstklassige Sänger auf die Bühne gestellt. Die Wiener Staatsoper hat sie ja. Allerdings – auch andere Werke werden gut besetzt. Zum Beispiel die Oper "Iwan Tarrassenko" oder das Ballett "österreichische Bauernhochzeit". Sie stehen beide ebenfalls im Spielplan der Wiener Staatsoper. Ihr Autor? Franz Salmhofer, Direktor der Wiener Staatsoper und – Komponist. Hans Rutz