Von Hermann Stahl

Hermann Stahl, ursprünglich Maler, wurde vor dem Kriege mit dem Roman "Traum der Erde" mit einem Schlage bekannt. Weitere Romane: "Die Heimkehr des Odysseus" und "Wohin du gehst". Stahl machte sich auch als Kurzgeschichtenschreiber und Hörspielautor einen Namen. Er lebt heute in Dießen am Ammersee.

Zunächst geschah nichts, außer in seiner traumgleichen Vorstellung. Die aber vollzog, was er zu tun hatte, um anständig zu bleiben. Er "dachte" an nichts, saß am Schreibtisch wie immer um diese frühe Nachmittagsstunde, starrte aus dem Fenster hinaus auf den regennassen Hang, vielmehr standen Tisch und Stuhl so, daß er Fenster und Hang vor Augen hatte – auch von einem wachen Hinausstarren konnte nicht die Rede sein. Was er bemerkte, war vertraut, der Hang, ein Haus mit naß verfärbter Westseite, eine entgleitende Bewegung davor, Zeichen, die ihm nicht galten. Er saß vor den Regalen mit seinen Prozeßakten, an sich dieser banale Augenblick zwischen Mittagspause und Weiterarbeit, und verändert nur insofern, als ein anderer Augenblick in diesen sich hineingeschoben zu haben schien, weshalb die Dinge um ihn da und nicht da waren, wie Zeichen geschahen und so wenig Wirklichkeit zu haben schienen wie er selbst in diesem Augenblick: ihn jetzt mit seinem Namen oder "Herr Rechtsanwalt" anzureden, hätte ihn zumindest flüchtig erstaunt, bevor er zurückgekehrt wäre und mit einem tiefen Atemzug zur Strafsache X. oder dergleichen gegriffen hätte. Da nichts geschah, nichts also den fremden aus dem nahen (im Augenblick aber weggeschalteten) Augenblick vertrieb, vernahm er verwundert den schrill erregten Warnruf einer Amsel, und während der Warnruf ihm sein Dasein halb wahrgenommen verdeutlichte, merkte er, daß ihm dieses Halbwach- und Nichtzugegensein gefiel, Dasein und zugleich die darin transparent werdende Fraglichkeit und Offenheit des Daseins spüren, darin war etwas wie Spaß und zudem ein Gefühl von Teilhaberschaft an einer unbekannten Größe – Güte etwa? Was draußen war und geschah, spielte sich hinter Glasscheiben ab, entrückt. Der fremde Augenblick (im nahen) stand zwischen ihm und allem, das draußen war, und nahm dem greifbar Wirklichen sein Gewicht. Alles kam aus verschiedenen, einander fremden Dimensionen. Die mochten einander durchdringen, ermitteln oder abschätzen ließ sich das nicht, es ging ihn auch nichts an. Es bedeutete nicht mehr und nicht weniger als der graue Regen, der Warnschrei einer Amsel. Es war da, vertraut und fremd, wie das schauernde Grau draußen und im Zimmer, regnende oder flutende Stille ohne Wände.

War das ein Wortspiel nur? Hertreibend aus nicht Faßlichem, das in der Augenblicke Unfaßlichkeit sein Wesen hatte und jäh unfaßlich fremde Wirklichkeit gewann? Doch von wo, aus was? Aus ihm? Er fror. Er meinte ein Auto schalten und halten zu hören, Geräusch gefiltert vom Regenklang, jetzt verstummt, Täuschung wohl gar, doch betrat da nicht Dr. Scharfuß sein Zimmer und hörte er nicht in seiner eigenen den Besucher begrüßenden Stimme Befangenheit mehr als Erstaunen? Bot er nicht einen Sessel an und nahm wieder Platz und sagte "Zigarette" und dachte dabei: es könnte so sein, so etwas kommt vor, doch es ist gar nicht der Fall? Aber er sah Kopf und Schultern des Besuchers so genau vor dem Fensterviereck, als ob – nun gut. Unverschämt oder rührend, solcher Besuch? Immer kam es darauf an, nach welcher Seite hin man sich entschied und daß man wußte, wie wenig beide Prädikate zu sagen hatten. Er konzentrierte sich auf den, der nicht da war, der ihn saugend ansah, ja, dachte er, schätz’ nur mein Alter ab, Gerda wird dir schon gesagt haben, daß ich fünfzehn Jahre älter bin als du! Oder zwanzig? Und dann, anders: Den hat es mächtig, so jung möchte man noch sein! "Also bitte", sagte er umfangen von der fremden Dimension, und meinte, dämmernd, etwas von kleinem Abstecher, kaum erheblichem Umweg, zu hören, Gerede wie Alltag, und dachte: abhängen werde ich dich, Freundchen, wie mit meinem großen Wagen deine kleine Kutsche aus zweiter Hand! Und fühlte sich beengt wie in spannungsvoller Gesprächspause, nach der der andere sagte: Nun, schließlich – Sie wissen, warum ich kam.

Absurd, er war allein, er nickte bestätigend, er hatte diesem Manne zu helfen keinen Grund, oder stimmte das nicht, und nun sagte der: Wir kannten uns seit Jahren, Gerda und ich, und starrte ihn an, Haß und Zutunlichkeit im Blick, so daß er sich abwandte: als ob ich nicht oft genug in der Stadt wäre, im Landgericht zu erreichen!

Der Jüngere wand sich, und trotzdem begriff er, daß nicht jener, sondern er selbst in der Defensive sei, denn jener hielt sich gut: Ich hätte bis nächste Woche warten müssen! "Und das konnten Sie nicht?" rief er erbittert, der andere wich seinem Blick nicht mehr aus. "Kommen wir zur Sache", sagte er, und was bedeutete es schon, daß der Besucher Format zeigte, was, wenn nicht, daß er fair zu sein hatte, und sollte das nicht der Teufel holen? "Sie nannten den Namen einer jungen Dame", sagte er, "und erwähnten die lange Bekanntschaft."

Und, hielt der Schatten ihm vor, wir beabsichtigten zu heiraten.