Die Figur des Unternehmeraktionärs, der sein Unternehmen in eine AG verwandelt hat und es von der Position des Vorstands- oder des Aufsichtsratsvorsitzers aus verwaltet, gehört der Vergangenheit an. Noch gibt es den selbständigen Unternehmer, der das Unternehmen als sein Eigentum handhabt; aber typisch für die Großindustrie ist die Teilung der Funktionen zwischen Aktionär als Kapitalgeber und dem Vorstand des Unternehmens als Kapitalverwalter, der die Unternehmerfunktion ausübt, also nicht nur die Geschäftsführung, sondern auch die moralische Verpflichtung und soziale Verantwortung des Unternehmers zu tragen hat. Auf ihn richten sich die Blicke, wenn von Unternehmermoral die Rede ist, auf ihn, der de facto der Unternehmer ist, ohne es de jure zu sein.

Auf Grund seines Dienstvertrages befindet sich das Vorstandsmitglied einer Aktiengesellschaft ihr gegenüber in einem Angestellten- und Abhängigkeitsverhältnis, das ihm nicht gestattet, seine Unternehmermoral frei zu entfalten. Überall hat er mit Hemmungen zu kämpfen. Die zunehmende Verunselbständigung in den leitenden Positionen schafft jenen Managertypus, der im Schnittpunkt sich durchkreuzender Interessen seine Kräfte in beständigen Ausgleichs- und Abwehrbemühungen aufreibt. Der Industriedirektor ist nach vier Seiten hin an Rücksichten gebunden.

Da sind einmal die Aktionäre, seine Auftraggeber, die als Eigentümer der Aktiengesellschaft von ihm erwarten, daß er ihnen den vollen Nutzen ihres Eigentums verschafft. Schon hier steht der Vorstand zwischen zwei Verantwortungen, die von ihm fordern, daß er neben dem Interesse der wechselnden Eigentümer dasjenige des bleibenden Eigentums nicht zu kurz kommen läßt, andererseits aber auch der Versuchung widersteht, durch Gewinnthesaurierung auf Kosten der Aktionäre eine unstatthafte Expansionspolitik zu betreiben und das Unternehmen unter Zurücksetzung der Gewinnerzielung und -verteilung aus wirtschaftlichem Machtstreben oder zur Stärkung der Eigenposition willkürlich auszudehnen.

Der zweite Gegenspieler, mit dem sich jeder Unternehmer, der selbständige wie der unselbständige, auseinanderzusetzen hat, ist der Steuerfiskus. Wären Staat und Moral identisch, so hätte der Unternehmer zur Erfüllung seiner Unternehmermoral nichts weiter zu tun, als die Steuern in voller Höhe pünktlich abzuführen. Leider hat sich der Staat geneigt und fähig erwiesen, seine Steuerforderungen so zu überspannen, daß der Unternehmer seine Staatsbürgermoral und seine Unternehmermoral nicht immer in Einklang zu bringen vermag. Der Unternehmer, zumal der unselbständige, der ein Unternehmen fremden Eigentums leitet, kommt so in die Lage, sich dem Fiskus gegenüber schützend vor das Unternehmen stellen und jedes erdenkliche Mittel anwenden zu müssen, das die Steuerlast ermäßigen könnte. Konfiskatorische Steuern sind unmoralisch und rufen unmoralische Gegenmaßnahmen hervor. Ein Staat, der das Aufkommen eines industriellen Raubrittertums verhüten will, sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Ein schlechtes Beispiel war unleugbar das erste Kapitalmarktgesetz, das die Überspanntheit des Steuertarifs dazu benutzte, um durch Steuerbefreiung öffentlicher Anleihen den Kapitalmarkt für die öffentliche Hand zu monopolisieren und das der Doppelbesteuerung unterworfene Unternehmerkapital in Aktienform vom Wettbewerb auszuschließen.

Der dritte Gegenspieler, der die Moral des Unternehmers auf manche harte Probe stellt, ist die Belegschaft. Sie ist es nicht allein deshalb, weil die Löhne ein Kostenfaktor sind und es Aufgabe des Unternehmers: ist, bei höchsten Löhnen und niedrigsten Preisen den größten Gewinn zu erziehen. Sie ist es vor allem deshalb, weil er den Belegschaftsmitgliedern nicht nur als Kaufmann, sondern auch als Mensch gegenübersteht und ihnen Anteilnahme schuldet. Die freiwilligen Sozialleistungen belaufen. sich im Durchschnitt großer Betriebe heute schon auf 10,4 v. H. des Aktienkapitals, während die Dividende in vielen Fällen den "Normalsatz" von 8 v. H. noch bei weitem nicht erreicht hat. Aus diesem Zahlenverhältnis ersieht man das Dilemma, in welchem sich der unselbständige Unternehmer befindet, der auf seinem Vorstandsposten fremdes Eigentum verwaltet. Was er an sozialen, Zuwendungen verteilt, ist anderer Leute Geld, für das er Rechenschaft schuldet. Hier steht Moral gegen Moral. Wer im Unternehmen einerseits fremdes Kapital, andererseits fremde Arbeit verwendet, hat moralische Verpflichtungen nach beiden Seiten zu erfüllen. Und nachdem die festen Vergütungen, also Löhne und Sozialabgaben, auf Tarifbasis in kollektiver Form erfolgen, sollen da die freiwilligen Leistungen wieder nur kollektiv dargeboten werden? Wer in der Kollektivierung und Vermassung eine Gefahr sieht, muß bei den freiwilligen Leistungen mehr Gewicht auf die individuelle Betreuung, die soziale Beihilfe im Einzelfall legen. Anders als der Aktionär, den keiner kennt, steht der Unternehmer den Belegschaftsmitgliedern im Verhältnis von Mensch zu Mensch gegenüber, hat Kenntnis von ihren persönlichen Nöten und Neigungen und braucht gewisse Vollmacht, um helfend einzugreifen. Mit Schwimmbädern und Sportplätzen ist es nicht getan; denn nicht jeder Mensch findet sein Glück im Wasser oder auf der Aschenbahn. Gerade in der sozialen Fürsorge muß der Unternehmer also als Individualist und Spezialist tätig sein. In welchem Umfang er Mittel des Unternehmens dazu verwenden kann, muß er dann mit seinem Gewissen ausmachen. Ein vierter Interessenkreis, den der Unternehmer zu-berücksichtigen hat und – der bei den Auseinandersetzungen der Sozialpartner mitunter ganz vergessen wird, ist die Kundschaft. Letzten Endes lebt jedes Unternehmen von den Kunden und für die Kunden, die es hat. Die umfangreiche Selbstfinanzierung der Industrie nach der Währungsreform erfolgte weitgehend über die Preise durch Überforderung, also auf Kosten der Verbraucher. Die damalige Kapitalnot kannte kein Mora gebot. Aber das waren Ausnahmezeiten Der sozialste Unternehmer ist heute nicht der, der seiner Belegschaft die höchsten Löhne und Sozialleistungen zukommen läßt, sondern nur der, der dies bei niedrigsten Preisen und hohen Dividenden tut. Der edle Wetteifer in Sozialleistungen, wie er in neuester Zeit entbrannt ist, muß seine Schranke dort finden, wo die moralische Verpflichtung des Unternehmers gegenüber den Verbrauchern den Vorrang verlangt und verdient; sonst könnte sich ein gefährlicher Betriebssozialimus ausbreiten, der seine Wohltaten auf die Betriebsangehörigen beschränkt und sie auf Kosten der Verbraucher finanziert...

Im vierfachen Kreuzfeuer der Interessenkonflikte zwischendem Unternehmen einerseits, dem Fiskus, den Aktionären, der Belegschaft und dem Kundenkreis andererseits ist es nicht leicht, für die Unternehmermoral und den Unternehmerstand einen festen Standpunkt zu gewinnen, der dem Unternehmer Haltung und Ansehen verleiht. Sogar heute erhebt der Staat noch Anspruch darauf, sich ohne moralische Skrupel über die Schwierigkeiten der Zeit hinwegzusetzen und etwa durch rückwirkende Steuergesetze seine Verlegenheiten auf die Geschäftswelt abzuladen. Sie hat vergebens gegen diese fragwürdige Praxis protestiert. Dem Einwand, daß der Kaufmann rückwirkende Steuererhöhungen nicht kalkulieren könne, begegnete vor kurzem der Bundesfinanzhof mit der Feststellung, daß der Bürger eines Staates damit rechnen müsse, daß sich durch Änderung des Steuersystems die wirtschaftliche Beurteilung eines Geschäftes nachträglich als verfehlt herausstellen könne; es gäbe im Wirtschaftsleben heute keine stabilen Verhältnisse mehr.

Solange der Staat sich erlaubt, die Wirtschaft gewaltsamen Erschütterungen dieser Art auszusetzen, kann der Unternehmer sich nur behaupten, wenn er seine Moral den Verhältnissen anpaßt. Das hohe Ansehen, dessen die führenden Stände der Vergangenheit, Beamte und Offiziere, sich erfreuten, gründete auf dem rechtlich und sozial gesicherten Boden, auf dem sie standen. Der Unternehmerstand wird noch lange brauchen, bis er den festen Boden gewonnen hat, auf dem seine Moral und sein Ansehen ihn instand setzen, de Nachfolge der alten Stände anzutreten. Claus Schrempf