Moskaus Vorschlag einer Sicherheitskonferenz vor einer Ratifizierung der Pariser Verträge ist an dem einmütigen Nein der Westmächte gescheitert. Aber da dieser Vorschlag nur ein Teil der "Entspannungsoffensive" ist, bleibt die grundsätzliche Frage, wie der Westen sich zum Problem der Entspannung stellen soll, unbeantwortet.

Kaum je erfolgte die sowjetische Entspannungsoffensive auf so breiter Front: Moskau bläst die Abrüstungsflöte hingebungsvoller denn je. Molotow dämpft den Formosa-Appetit Pekings. Amerikanische Flugzeuge werden höflicher abgeschossen. Die Prawda wendet sich gegen "Auswüchse" der antireligiösen Propaganda, und Budapest hat überraschend das amerikanische Ehepaar Noel und Herta Field freigelassen.

Man spricht bereits von einem Übergang vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden, bezeichnenderweise ohne dabei die Frage nach dem Sieger zu stellen. Nach der bisherigen Lage der Dinge ist zweifellos Moskau der Sieger im Kalten Krieg. Will man einen westlichen Sieg daraus, machen (und die Versuchung dazu ist groß), so muß man tun, als sei Moskaus derzeitiger Besitzstand in Europa von der Elbe bis zur Narowa, vom Kurischen Haff bis zur Donau, rechtmäßig. Unrechtmäßiges Gut dürfte ja nur ein Sieger behalten. Will also der Westen die Rolle des Siegers spielen (ohne den Willen oder die Macht, die tatsächlichen Verhältnisse zu ändern), bleibt ihm nichts anderes übrig, als aus Unrecht Recht zu machen.

Natürlich kann man auch sagen: "Nun gut, wir sind eben die Verlierer. Ziehen wir einen Strich unter das Ganze und hoffen, daß Moskau nicht mehr verlangt, als es schon hat." So sprechen nicht nur Menschen, denen wenig am Recht, sondern auch solche, denen viel am Frieden liegt, und es hat keinen Sinn, sie schlechthin Defaitisten zu schelten.

Gibt es denn keinen Ausweg aus dem Dilemma, entweder auf Recht und Freiheit (wenn auch auf die anderer, was immer leichter ist) oder auf den Frieden zu verzichten? – Gewiß, es gibt Vorschläge für friedliche Befreiungs-Kreuzzüge, aber diese Vorschläge sind bisher wenig überzeugend. Vor allem für diejenigen nicht, die nicht warten können. Der Kalte Krieg aber ist eine Geduldsprobe. Gewinnen wird ihn, wer zu warten versteht. Und was unsere Nerven betrifft, so haben andere Generationen für geringere Ziele mehr geopfert als ihre Sinnesruhe. Wir haben bisher ohne Entspannung gelebt, und wir müssen es wohl weiterhin tun.

Viel interessanter als unsere Ungeduld, die ja menschlich nur allzu begreiflich ist, ist die Frage, warum Molotow es mit der Entspannung so eilig hat. Es lohnt sich, den Gründen nachzugehen. Mit Überlegungen, ob Molotow "es ehrlich meint" oder nicht, kommen wir allerdings nicht weiter. Wir tun der Sowjetdiplomatie unrecht, wenn wir ihr solche Motive, wie "ehrlich" und "unehrlich" unterstellen. Im Kreml geht es anders, härter zu. Sicherlich arbeitet Molotow durchaus ehrlich für die Festigung und Ausbreitung der Sowjetmacht, und welch andere Ehrlichkeit erwartet man eigentlich von ihm? Etwa, daß er ehrlich für den Frieden sei, auch dann, wenn ein Krieg den Interessen Sowjetrußlands zuträglicher ist? Bekanntlich ist "ein Krieg zwischen den kapitalistischen Ländern" das von Stalin und Lenin mehrfach angepriesene beste Rezept zur Verwirklichung der weltpolitischen Ziele Moskaus. Soll Molotow, um den westlichen Ehrlichkeitsvorstellungen zu genügen, diesem bewährten Rezept untreu werden?

Es ist eine alte, gute Regel in der Politik, "mit dem Kopf des Gegners zu denken". Wer Außenpolitik begreifen oder gar machen will, muß diese Regel kennen und beherrschen. Was also denkt sich Molotow? Einmal ist es für ihn wichtig, den noch ausstehenden Teil der Ernte – des zweiten Weltkrieges in die Scheuer zu bringen. Noch ist die Oder-Neiße-Linie nicht endgültig anerkannt. Die drei Mitsieger bezeichnen sie nach wie vor als Provisorium. Noch steht die Bestätigung des rechtmäßigen Besitzes der baltischen Länder aus. Und noch ist der Stand der Dinge in der Sowjetzone und Berlin auch vom russischen Standpunkt höchst unbefriedigend. Nur ein Friedensvertrag kann hier Wandel schaffen, und unerläßliche Voraussetzung für einen Friedensvertrag ist ein besseres Verhältnis zwischen den Hauptbeteiligten, mit anderen Worten, eine Entspannung.