Ihr Vatername war Godefroy, als Schauspielerin nannte sie sich Tilla Durieux, und mit ihren Affären und Ehen hielt sie einmal Berlin in Atem. Renoir hat sie gemalt, als sie die Frau Paul Cassirers war; Alfred Kerr aber hat nach einer Aufführung von Hebbels "Judith" sie sehr unkavaliermäßig als "Hirschkuh, die Paprika gegessen" habe, bezeichnet. Schon als Kind galt sie als "häßliches Entlein", und das Leben, in seiner Erbarmungslosigkeit, verhehlte ihr nicht, daß sie mit Schönheit nicht gesegnet war. Sie hat ein aufgeregtes Dasein geführt: ihr Leben gleicht einem ständigen Szenenwechsel. Jetzt hat die Gealterte in Zagreb ihre Erinnerungen geschrieben:

Tilla Durieux: "Eine Tür steht offen", Berlin 1954, bei F. A. Herbig, 342 S., Ln., 14,80 DM.

Das Buch ist, weit über den persönlichen Charakter der Erlebnisse, ein Dokument geworden für eine Zeit, in der Berlin eine der Hauptstädte der Welt war. Als Metropole des Kunst- und Theaterlebens, als geistiges Zentrum bedeutete die Reichshauptstadt nicht nur einen "Umschlagplatz" für alle Gebiete von Kunst und Wissenschaft, sondern wurde zugleich ihr Nährboden mit richtungweisender Linie. Diese Entwicklung erreichte in den zwanziger Jahren ihren Höhepunkt; vieles davon wird in den Erinnerungen der Durieux fühlbar.

Doch neben die "interessante" Seite tritt die menschliche der Autorin. Mit großer Freimütigkeit öffnet sie die Tür zu ihrem Innern, schonungslos sich selbst gegenüber erzählt sie ihr an äußeren Konflikten und inneren Bewegungen des Gemüts reiches Leben, ohne den leisesten Anflug von Selbstgefälligkeit oder Glattmacherei, aber auch ohne Klatsch und Tratsch. Man fühlt dahinter die Persönlichkeit, die sich, allen Schwierigkeiten zum Trotz, mit zähem Lebenswillen durchsetzte, mit einem Temperament, das ihr zum Schicksal wurde. Es ist der Atem der "großen Welt", der bis in das friedliche Inseldasein der 70jährigen in Zagreb reicht.

Die andere, die "kleine Welt" aber vollzog sich fern von Berlin. Zur gleichen Zeit, als Berlins Charakter international wurde, erstand überall im Lande die Jugendbewegung. In ihr war viel fatale Romantik; doch entsprang sie einer echten Selbstbesinnung, die sich frei machen wollte von Konvention, Verlogenheit und Betrieb. Die beste Jugend war darunter, ein großer Teil von ihr fiel bald darauf im ersten Weltkrieg. Manche davon leben noch heute; auch wenn die Jugendbewegung später in politisches Fahrwasser geriet, so ist die Erinnerung an ihre ersten, idealistischen Anfänge noch immer von entscheidendem Einfluß auf ihr Tun und Handeln. Darin besteht die Bedeutung des Erinnerungsbuchs von

Karl Rauch: "Der Schatten des Vaters", Bechtle-Verlag, Eßlingen 1954, 335 S., Ln., 11,50 DM.

Ein sehr persönliches Dokument, das der Buchhändler und Verleger Karl Rauch (geb. 1897) aus Markkleeberg bei Leipzig damit gibt: er beginnt zwar mit dem Jahre 1945 und seiner nachfolgenden Zeit, wo er als verlegerischer Mittler geistigen Guts unter russischer Besetzung wirkte, blendet dann aber zurück in die Jugend, die vom Schatten des Vaters überdeckt wurde – eines aus Anlage und Enttäuschungen harten Mannes, der auch nach seinem Tod Einfluß auf Tun und Handeln in den Träumen des Sohnes noch durch lange Zeit hin behielt. Doch auch hier weitet sich das Persönliche zum Allgemeinen, und ein Zeitbild entsteht, das die innere Situation des deutschen Menschen vor 1914 und zwischen den beiden Kriegen gültig spiegelt: es ist die Botschaft des "Hohen Meißners" von einst. c.o.f.