H., Paris, im Dezember

Es gehört in Frankreich nicht zum guten Ton, über die Schäden des Alkoholismus zu sprechen. Und wer über dieses Problem schreibt, erntet wenig Beifall: der Alkohol ist in Frankreich nicht nur eine Frage der Volksgesundheit, nicht nur ein wirtschaftlichen Faktor von großer Bedeutung, er stellt auch eine politische Macht dar. Mehr als vier Millionen Menschen leben direkt oder indirekt vom Alkoholkonsum (bei einer Gesamtbevölkerung von 42 Millionen), und mehr als eineinhalb Millionen arbeiten in der Erzeugung und der Verteilung von alkoholischen Getränken.

Dabei ist der Alkoholkonsum in Frankreich wesentlich größer als in allen anderen Ländern: jeder Erwachsene trinkt im Jahr durchschnittlich 30,5 Liter reinen Alkohols. Nur 14,5 Liter sind es in Italien, 13 in der Schweiz und 9,3 in Großbritannien. 15 v. H. der Männer und 5 v. H. der Frauen fallen in Frankreich in die Kategorie der „schweren Alkoholiker“, denn ein Drittel der französischen Bevölkerung trinkt alkoholische Getränke weit „über das Maß“. An der Bevölkerungszahl gemessen wurde in Frankreich 1951 dreimal soviel Alkohol getrunken als in den USA. Es ist erwiesen, daß 30 v. H. der Todesfälle zwischen dem 35. und dem 50. Lebensjahr direkt oder indirekt auf übermäßigen Alkoholgenuß zurückzuführen sind. Der Schaden, den der Alkohol anrichtet und der von der Gesamtheit getragen werden muß, wird auf 500 Mrd. Francs geschätzt, während die Gesamtausgaben für alkoholische Getränke in Frankreich 675 Mrd. ffrs erreichen – das sind mehr als 10 v. H. der allgemeinen Lebenshaltungskosten ...

Der Alkoholismus wird in Frankreich von drei Faktoren gefördert. An erster Stelle stehen die sogenannten „Bouilleurs de cm“, das sind dieBauern, die die Berechtigung haben, zehn Liter Alkohol je Jahr für ihren eigenen Gebrauch zu destillieren. Man zählte ihrer eine Million um die Jahrhundertwende, heute gibt es über drei Millionen Alkoholerzeuger dieser Art. Sie begnügen sich tatsächlich nicht mit den 10 Liter Alkohol. Sie erzeugen oft die zehnfache Menge; eine Kontrolle ist unmöglich. Sie verkaufen den so hergestellten 90prozentigen Alkohol zu niedrigen Preisen, weil er ja von der Steuerbehörde nicht erfaßt werden kann. Ein Glas alkoholischen Getränks kostet in Großbritannien oder in Dänemark ebensoviel wie ein Mittagessen in einem kleinen Restaurant, also etwa 300 Francs. Für diesen Betrag kann man sich in Paris ein halbes Dutzend Aperitifs kaufen. Im übrigen wurde auf Grund der wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, daß der Alkoholismus in Frankreich vor allem auf den Weinkonsum zurückzuführen ist, und zwar im Ausmaß von 60 v. H., zu 30 v. H. auf den Genuß von alkoholischen Getränken, zu 8 v. H. auf den Genuß von Most, während der Genuß von Bier nur in 2 v. H. der Fälle zu schwerem Alkoholismus führte.

Die Regierung Mendès-France beschloß jetzt zahlreiche Maßnahmen, um den Alkoholismus zu bekämpfen. Bisher subventionierte der Staat das „Comité de propaganda de vin“ mit 50 Mill. ffrs je Jahr, während das „Comité de defense contre l’alcoolisme eine Subvention von nur 500 000 ffrs je Jahr erhielt. Die staatliche Subventionierung der Alkoholpropaganda wird nun wohl eingestellt werden. Mehrere Gesetzentwürfe wollen die Alkoholerzeugung der „Bouilleurs de cru“ einschränken, andere Entwürfe verbieten die Erzeugung und den Verkauf von Aperitifs und anderen Getränken, die aus Wein erzeugt wurden, wenn sie mehr als 18 Grad Alkohol haben. Bestimmte alkoholische Getränke sollen zwischen 5 und 10 Uhr morgens nicht verkauft werden dürfen, die Taxen auf alkoholische Getränke will man um 20 v. H. erhöhen. Man plant ferner eine Einschränkung der Zahl der Gaststätten, vor allem sollen die „bistros“ in der Nähe von Fabriken und Schulen untersagt werden. Neue Gaststätten sollen nicht mehr erlaubt werden (es gibt in Frankreich 420 000 Bistros, das heißt: eine Alkoholkonsumstätte auf je 30 männliche Einwohner).

Die Absichten der Regierung sind nur zu begrüßen. Es bleibt aber die Frage offen, ob die geplanten Gesetze im Parlament beschlossen und auch durchgeführt werden.

Die Alkoholerzeuger und Verkäufer stellen in Frankreich eine der machtvollsten Wirtschaftsgruppen dar. Es ist durchaus noch nicht sicher, daß Mendès-France in dem Kampf gegen diesen Interessenskonzern die Oberhand behält...