Als am 30. Dezember 1944, in jenen Tagen, da Frankreich eben wieder seine Freiheit zurückgewonnen hatte, Romain Rolland seine Augen für immer schloß, verlor die Welt nicht nur einen großen Schriftsteller, sondern einen noch viel größeren Menschen. Er starb in der Nähe des burgundischen Dörfchens Clamecy, wo er am 19. Januar 1866 geboren wurde und von wo aus er zu seiner einzigartigen künstlerischen und menschlichen Erdenfahrt aufgebrochen war. Am Lycée Louis-Legrand in Paris befreundete er sich mit Claudel, an der Ecole Normale Superieure wurde er zum unzertrennlichen Freunde von Suarès. In jene Zeit fiel die entscheidende Lektüre von Tolstoj; in Rom vollzog sich die nicht minder bedeutende Begegnung mit Malwida von Meysenbug, der Freundin Nietzsches, Wagners, Ibsens und Mazzinis. Ein reiches musikkritisches, dramatisches und erzählerisches Werk begann zu entstehen, als dessen Gipfel wohl der 1897 in der Schweiz begonnene "Jean Christophe" zu bezeichnen ist, der dem Dichter 1915 den Literatur-Nobelpreis eintrug.

Romain Rollands europäisches Dasein fand im "Jean Christophe" seinen Niederschlag. Gleichzeitig kündigte sich aber auch schon jene Seite des Dichters an, die ihn zu einem Fackelträger der Menschlichkeit werden ließ: seine unbedingte Wahrheitsliebe, sein unermüdlicher Einsatz für das friedliche Zusammensein der Völker. In seinem großen Romanwerk geht es ihm um die Vereinigung der Völker germanischen und romanischen Geistes: "Wir sind die beiden Flügel des Abendlandes, zerbricht der eine, so ist auch der Flug des anderen gebrochen." Diesem Satz eignet bis heute höchste Aktualität.

Das Europa des ausklingenden 19. Jahrhunderts vernahm diese Mahnung nicht. Chauvinismus und Nationalismus steigerten sich immer mehr, maßlose Fanatiker übertönten die Stimmen der Vernunft. Anzeichen dafür hatte Rolland schon während der Dreyfuß-Affäre in seinem Vaterland wahrgenommen. Zusammen mit Péguy und einigen anderen jungen Menschen erhob er sich gegen diese Strömung in einem "Rausch von Reinheit und stoischer Wahrhaftigkeit". Die religösen Ideen Tolstojs und die sozialen Postulate von Jaurès gaben diesen jungen Intellektuellen einen mächtigen Impuls. Die Ermordung des sozialistischen Politikers und der Ausbruch des Weltkrieges mußte Romain Rolland zutiefst ins Herz treffen. Er glaubte nicht, wie sein Freund Péguy, an einen sinnvollen Opfertod für das Vaterland. Er sah nur Blut, Schmerzen und sinnloses Zugrundegehen, so weit das Auge reichte. Hier nun beginnt der entscheidende Abschnitt in Rollands Leben. Er wurde zum Aktivisten, zum Täter für den Frieden. In Deutschland und in Frankreich stimmten selbst die geistigen Prominenten in den Haßgesang ein; Friedrich Gundolf schrieb, Attila habe mehr zu schaffen mit der Kultur als alle Shaws, Maeterlincks und D’Annunzios zusammengenommen und Europa sei verbraucht, bis auf das einzige Deutschland. In Frankreich posaunte Barrès seinen Haß und selbst der eigentlich vernünftige Anatole France stimmte in das mißtönende Konzert ein.

Romain Rolland erhob ebenfalls seine Stimme – aber nicht gegen eine einzelne Nation, sondern gegen die allgemeine Verblendung und Unvernunft, während er sich tätig sofort dem Internationalen Roten Kreuz in Genf zur Verfügung stellte. In zahlreichen Aufrufen, Artikeln und Pamphleten, die er unter dem Titel "Au-dessus de la mêlée" vereinigte, wandte er sich gegen die allgemeine Verantwortungslosigkeit: "Die Menschen haben das Geschick erfunden, um es für die Unordnung im Universum verantwortlich zu machen, das sie doch beherrschen sollten. Kein Schicksal! Schicksal ist, was wir wollen. Und auch oft genug das, was wir nicht stark genug wollen. Möge ein jeder in einem solchen Moment sich sagen: mea culpa! Diese intellektuelle Elite, diese Kirchen, diese Arbeiterparteien haben den Krieg nicht gewollt, mag sein! ... Was haben sie getan, um ihn zu verhindern? Was tun sie, um ihn einzudämmen? Sie schüren die Feuersbrunst. Jeder trägt noch sein Reisigbündel dazu bei." Das Echo auf solche und ähnliche Worte war ungeheuer: eine Flut von Schmähungen ergoß sich über Rolland, nicht nur aus Deutschland, sondern vor allem auch aus Frankreich, dessen offizielle Meinung den Abtrünnigen um so mehr verfluchte, als er in seinem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn erklärte: "Nach und nach bin ich mit Entsetzen zur Entdeckung gelangt, daß nicht Deutschland allein lügt. Und jetzt erscheint mir die Verantwortlichkeit in verschiedenem Grade auf alle kämpfenden Mächte verteilt zu sein. Wer weiß, ob überhaupt Deutschland seinen Absichten nach die ärgste Schuld trägt?" (Geschrieben am 11. Januar 1915!)

Die Zahl der Feinde war gewaltig, und nur wenige weitsehende Geister bekannten sich zu Romain Rolland. Zu ihnen gehörte Albert Einstein, der dem Gesinnungsgenossen im März 1915 von Berlin aus seine Unterstützung anbot und schrieb: "Möge Ihr herrliches Beispiel andere treffliche Männer aus der mir unbegreiflichen Verblendung aufwecken, die wie eine tückische epidemische Krankheit auch tüchtige und sonst sicher denkende und gesund empfindende Männer gefesselt hat! Sollen wirklich spätere Jahrhunderte unserem Europa nachrühmen, daß drei Jahrhunderte emsigster Kulturarbeit es nicht weiter gefördert hätten als vom religiösen Wahnsinn zum nationalen Wahnsinn?" Zu den gleichgesinnten Freunden gehörten auch Stefan Zweig, Carl Spitteler (der in seiner berühmten Rede die Spaltung der schweizerischen Eidgenossenschaft in zwei Lager verhüten half und der diese Tat mit dem Verlust seines Leserpublikums in Deutschland bezahlte) und vor allem Hermann Hesse, mit dem Rolland von 1914 bis 1940 einen Briefwechsel führte, der von Albrecht Goes eben in einer bibliophil ausgestatteten, mit Zeichnungen von Hesse illustrierten Ausgabe des Fretz & Wasmuth Verlages (Zürich) herausgegeben wurde. Dem siebzigjährigen Rolland schrieb Hesse: "Seit unserer ersten Begegnung im Herbst 1914 gehören Sie für mich zu den wenigen Autoren unserer Zeit, die ich um ihrer Lauterkeit und Menschlichkeit als Vorbilder und ältere Brüder verehre. Die Erfahrungen, die wir damals im Weltkriege machten, wiederholen sich heute alle wieder, und es wiederholt sich auch die große Versuchung: am Wert des Geistes und des Wortes überhaupt zu zweifeln. Daß ich auch jetzt, inmitten recht häßlicher Erfahrungen, diesem Zweifel widerstehen kann, daran haben Sie mit Ihrem Beispiel großen Anteil."

Hesse schrieb diesen Brief vor 18 Jahren. Aber die Versuchungen sind nicht gewichen, sie haben sich im Gegenteil gemehrt und sind größer geworden. Die nationalistischen Auswüchse haben zur Katastrophe eines zweiten Weltkrieges geführt, der die "mêlée" von den Fronten bis ins Hinterland verlegte. Die heutige Weltlage hat erwiesen, daß sich Romain Rolland in einem entscheidenden Punkte tragischerweise von seinem Idealismus irreführen ließ: die bolschewistische Revolution war nicht der Ausgangspunkt zu einer allgemeinen Befriedung und zu einem neuen Zeitalter der Gerechtigkeit und des Glückes, sondern die von Rolland zeitlebens bewunderte Sowjetunion ist es, die heute die von ihm ebenso glühend verteidigte Geistesfreiheit tödlich bedroht. In seinem letzten Brief an Hesse deutet er an, daß in Rußland Verhältnisse herrschen, die er zutiefst mißbilligt. Hätte er die letzten zehn Jahre erlebt, so hätte sich in ihm wohl jene Wandlung vollzogen, die der scharfsichtige Gide schon vor zwanzig Jahren nach der ersten Begegnung mit der sowjetrussischen Wirklichkeit erfuhr. Ebensosehr wie über die russische Wirklichkeit aber hätte sich Rolland wohl über die allgemeine Lethargie des Westens entsetzt, über die Gleichgültigkeit der Menschen angesichts der sie bedrohenden geistigen, politischen und persönlichen Unfreiheit durch politische Machtblöcke und technische Erfindungen. Seine leidenschaftlichen Angriffe gegen die bequeme Unparteilichkeit der Intellektuellen sind heute aktueller denn je. In seinem Werk, das uns Romain Rolland als geistiges Vermächtnis und als Mahnung hinterlassen hat, ruft er zur Tat im Zeichen der Wahrhaftigkeit, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit auf: Heute wie damals werden die Leute der elenden und bedrückenden Ereignisse der politischen Gegenwart überdrüssig, "sie wenden ihre Augen ab und verfallen einer abscheulichen Indifferenz. Wir müssen sie dieser Lethargie entreißen: Die Indifferenz ist der letzte Grad der Würdelosigkeit. Sie ist ein Tod in Erniedrigung." Hansres Jacobi