/ Von Sabine Lietzmann

Befragt, was er tun werde, wenn man ihn zum Regierenden Bürgermeister von Berlin wählte, antwortete kürzlich Otto Suhr, der bisherige Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, schlicht mit einem Wort: „Regieren!“ Seit Ernst Reuters Tod sei in Berlin nicht mehr regiert, sondern nur noch verwaltet worden, erklärte er wenig später in einer Wahlrede. Aus dieser Situation müsse Berlin heraus; „es muß wieder regiert werden“.

– Die Chance des Regierens war für Otto Suhr schon einmal greifbar nahe, als er nach Reuters Tod von den Berliner Sozialdemokraten als „der bestmögliche Mann, der überhaupt gefunden werden kann“, für den Bürgermeistersposten vorgeschlagen wurde. Damals, im Oktober 1953, unterlag er dem CDU-Kandidaten Walther Schreiber. Heute wird er, abermals Bürgermeisterkandidat der SPD, die als stärkste Partei aus den Berliner Wahlen hervorging, demnächst das Oberhaupt des Berliner Stadtstaates werden. Zwei Tage nach den Wahlen reiste Suhr auf die Mitteilung hin, der Kanzler wünsche ihn zu sprechen, nach Bonn, kam aber nach abermals zwei Tagen schon wieder zurück, ohne Adenauer gesprochen zu haben. „Aus Zeitmangel“ habe er der Einladung des Kanzlers nicht Folge leisten können. Im übrigen würde bei der bevorstehenden Unterredung nur Dr. Adenauers umstrittene Äußerung im Sportpalast zur Diskussion stehen, in der die Unterstützung einer Berliner SPD-Regierung durch die Westmächte angezweifelt worden war; die Berliner Regierungsbildung werde nicht Gegenstand der Besprechung sein, da man sich hier „nicht von einem Außenstehenden hineinreden“ lasse. Die Stunde des Kegierens ist für Otto Suhr offenbar gekommen.

Die Arbeit in der Exekutive ist ein neues Feld für ihn. Er hat einmal gesagt, man müsse in Deutschland die Bedeutung des Parlaments gegenüber den wachsenden Ansprüchen der Verwaltung unterstreichen. Der drahtige Sechziger mit der stets vorbildlich gebundenen Fliege und dem norddeutsch-scharfen S-t, das er – seit dreißig Jahren Wahlberliner – sich aus seiner Oldenburger Heimat bewahrt hat, ist allerdings bis Kriegsende nicht Berufspolitiker im strengen Sinn gewesen. Als wirtschafts- und sozialpolitischer Experte hat er vorwiegend gewerkschaftlich gearbeitet, zunächst, bald nach der Promotion in Leipzig, in Kassel, später als Leiter der Wirtschaftsabteilung der Freien Angestelltenverbände in Berlin. In diese Zeit fällt seine Tätigkeit im Wirtschaftsbeirat des Kabinetts Brüning, gleichzeitig veröffentlichte er auch verschiedene Publikationen über Fragen der Wirtschaftorganisation, die aus Vorträgen an den hessischen Betriebsräteschulen entstanden sind, zu deren Gründern er gehört. Während des Dritten Reiches arbeitete er als freier Wirtschaftsjournalist.

Nach dem Ende des Krieges begann Dr. Suhrs politische Laufbahn. Bis dahin war er, obschon seit 1919 Mitglied der SPD, parteipolitisch nicht sonderlich aktiv gewesen. Im August 1946 wählten die Berlin er Sozialdemokraten ihn zu ihrem Generalsekretär. Im Oktober des gleichen Jahres zog er in das erste Berliner Nachkriegsparlament ein, das ihn auf der ersten Sitzung einstimmig zu seinem Vorsitzenden wählte. Diese Stellung hat Otto Suhr seither ohne Unterbrechung beibehalten; einstimmig bestätigte ihn das Berliner Parlament 1948 und 1950 von neuem, zunächst als Stadtverordnetenvorsteher, später nach der neuen Verfassung, an der Suhr maßgeblich mitgearbeitet hat, als Präsidenten des Abgeordnetenhauses.

Auf diesem Posten hat sich Suhr nicht nur als der „ehrliche Makler zwischen den Parteien und der Stadtverordnetenversammlung“ bewährt, der er nach seiner ersten Wahl zu sein versprach. Er hat auch von Anfang an einen zähen Kampf für die Unabhängigkeit des Parlaments geführt, der in den Jahren bis zur Spaltung der Stadt, als die Stadtverordneten noch im sowjetischen Machtbereich tagten, keineswegs ungefährlich war. So erklärte Suhr auf der Sitzung vom 23. März 1948 zu einem Befehl des russischen Stadtkommandanten, der ihn künftig für antisowjetische Propaganda im Parlament haftbar machen wollte, es schiene ihm „nicht mit dem Wesen der demokratischen Volksvertretung vereinbar zu sein, vor irgendeiner Besatzungsmacht Anweisungen für die Geschäftsführung der Stadtverordnetenversammlung entgegenzunehmen“. Er selbst fühle sich nicht in der Lage, „Büttel irgendeiner alliierten Macht zu sein, noch gewillt, Zensor der gewählten Stadtverordneten zu werden“. Er sähe den Befehl als undurchführbar an und stelle, sei das Parlament anderer Ansicht, sein Amt zur Verfügung. Bis auf die SED-Fraktion sprachen alle Anwesenden Dr. Suhr das Vertrauen aus, und der russische Kommandant kam auf das Thema nicht mehr zurück. In den stürmischen Spätsommertagen des Blockadejahres forderte Suhr die Errichtung einer Bannmeile um das Stadthaus, bis er schließlich, dem Druck der Straße zu entgehen, die Stadtverordneten erstmalig am 8. September zur Versammlung in den Westsektoren einberufen mußte.

Neben seiner organisatorischen Tätigkeit nimmt Suhr auch an der Berliner Kommunalpolitik sehr lebhaften Anteil. Als Experte für Haushalts- und Verfassungsfragen führt er den Vorsitz im Haupt- und im Verfassungsausschuß des Parlaments. Er ist einer der Schöpfer der Berliner Verfassung von 1950, die er in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz brachte, an dessen Ausarbeitung er als einer der fünf Berliner Vertreter im Parlamentarischen Rat ebenfalls beteiligt war. Daneben hat Suhr einen ausgeprägten akademischen Ehrgeiz; dank seinen hartnäckigen Bemühungen wurde im Januar 1949 die Deutsche Hochschule für Politik wiedereröffnet, deren Direktorposten er seit der Neugründung innehat. In zähem Ringen gegen allerlei Widerstände brachte er außerdem einen Vertrag zwischen Hochschule und Freier Universität zustande, welcher beiden Instituten kombinierte politische Lehrstühle und damit den Hochschülern das Promotionsrecht sichert und Dr. Suhr selbst einen Universitätslehrstuhl für „Theorie der Politik“ und damit den Professorentitel einbrachte.

Otto Suhrs erfolgreiche Karriere als Parlamentspräsident ist mit Berlins stürmischer Nachkriegsgeschichte eng verknüpft. Frühzeitig erkannte Suhr indessen, daß die „Kampfzeit“ des Berliner Parlaments zugleich seine Glanzzeit gewesen ist. „Zu einem echten parlamentarischen Spiel“, bekennt er 1951 bereits in einer selbstkritischen Betrachtung, „ist es nach dem Auszug der SEDisten nicht mehr gekommen.“ Verwöhnt, sich im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit zu sehen, laufe das Parlament Gefahr, die drohende Provinzialisierung zu übersehen, die Berlins öffentlichem Leben aus seinem Inseldasein erwachsen könne. Dies ist eine Bemerkung von seltener Klarsicht, wie man sie von Berliner Kommunalpolitikern nicht eben häufig hören kann, und die rapide Provinzialisierung seit Ernst Reuters Tod hat Suhrs Kassandraruf nur bestätigt – eine Entwicklung, die auch der Parlamentspräsident trotz äußerst geschickter Taktik nicht aufhalten konnte. Sein Wechsel aus dem parlamentarischen in das administrative Aktionsfeld wird ihm reichlich Gelegenheit geben, zu zeigen, ob es ihm als Regierendem Bürgermeister von Berlin gelingen wird, einer Horizontverengung zu steuern, die er einmal so deutlich als Gefahr empfand.