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Es hat in letzter Zeit kaum einen Film gegeben, der soviel Lob verdient hat wie der amerikanische Film „Onthe Waterfront“ der deutsch den Schaubudentitel „Die Faust im Nacken“ erhielt. Dennoch erhielt er in Venedig nicht den großen Preis des – goldenen Löwen, und auch bei der deutschen Filmbewertungsstelle fiel er zunächst durch und wurde erst in diesen Tagen nach Einspruch der Verleiher in zweiter Instanz mit dem Prädikat „Wertvoll“ ausgezeichnet. Dieser Film aus dem New Yorker Hafen, der ebenso wie „Navajo“ kein Hollywoodklischee ist, sondern einen Außenseiter zum Produzenten hat (Sam Spiegel, Buch: Budd Schulberg), hat das besondere Verdienst, daß er mit dazu beitrug, das „Shape-up-Heuer- und Musterungs-System“ zu zerschlagen, durch das Gangster in Gewerkschaftspositionen das Mittel in der Hand hatten, die Hafenarbeiter zu tyrannisieren. Den jungen Arbeiter und Exchampion Terry Malloy, der ahnungsloser Handlanger und Mitwisser am Mord eines Arbeiters wird, wächst aus persönlicher Schuld die Kraft zur Überwindung kollektiver Feigheit. Marlon Brando in seiner reifsten Leistung gibt in faszinierendem Spiel dem jungen Arbeiter mit dem verhärteten Innern Profil. Und Elia Kazan, der Regisseur, hat es bewältigt, daß aus der reißerisch angelegten Geschichte harte Sozialkritik wurde. Obwohl er die Brutalität weiter ausspielt als nötig für das, was er sagen will, und obwohl er sie durch das mehrfache Zwischenspiel mit den Tauben der Proletarier jungen in den Taubenschlägen auf dem Dach zu effektvoll unterstreicht, ist es ein Hafenfilm ohne falschen Ton und ohne übliche Pathetik geworden. In der Figur des Pfarrers aber tritt uns zum ersten Male im Film überzeugend der moderne Typ eines Seelsorgers entgegen, der die Sendung der Kirche in dieser Welt der Armut und der Korruption aufzeigt. Der sein schweres Amt und seine sittliche Aufgabe erfüllt, indem er Menschen in ihrer Not beisteht und ihnen Kraft gibt. Er ist immer zur Stelle und scheut keine Gefahr. Ja, er ist es, der sehr amerikanisch – dem zusammengeschlagenen Terry wie ein Trainer dem Boxchampion zuredet, durchzuhalten, damit der Bann der Feigheit gebrochen wird. Vorbild für diesen Filmpater war der Jesuitenpriester John M. Corridan, der mit seinen Bemühungen um die New Yorker Hafenarbeiter Ruf und Anerkennung gewann. EM

Die deutsche Filmindustrie hat mit großem Eifer in letzter Zeit vor allem eine Reihe teils ernster, teils heiterer Themen präsentiert, die je nach Auffassung, Sinn oder Unsinn einer Wiederaufrüstung veranschaulichten. Darunter auch den Klamaukfilm „08/15“, über den eine Schweizer Zeitung schrieb, er sei das Musterbeispiel camouflierter Militärbegeisterung, von Bonn wohlwollend begrüßt als allen trüben Instinkten unserer Volksseele sehr gemäß. Diesem reichlich gehässigen Urteil wäre die Reaktion der für den Militärdienst in Frage kommenden Jugend entgegenzuhalten. Sie ist bekanntlich, und das nicht nur in der Bewertung des Films, keineswegs allgemein positiv. Der Zulauf zu diesem Film war allerdings außerordentlich groß, und im Zuschauerraum bogen sich die Erinnerungstrunkenen, auch Frauen waren darunter, vor Lachen über die deftig demonstrierte Kommißkomik, die Mehrzahl der jungen Leute jedoch sparte nicht mit massiven Zwischenrufen. Wir können glücklich sein, daß unsere demokratische Freiheit bis dato in der Bundesrepublik noch erlaubt, unsere Meinung zu den umstrittenen Themen Militarismus und Wiederaufrüstung frei und ungehemmt zu äußern.

Bei „08/15“ handelte es sich mehr oder weniger um ein Erzeugnis der Phantasie. Der Film „Canaris“ nun, der am 30. Dezember in Hannover uraufgeführt wird und die Serie der Spionage-und Soldatenfilme fortsetzt, weckt auch Erinnerungen an „heroische Zeiten“ und mag deshalb in ähnlichem Sinne wie „08/15“ erwünscht oder unerwünscht sein. Die Handlung rankt sich in Anlehnung, an Tatsachen um das Wesen der deutschen Abwehr unter dem Hitler-Regime. Im Mittelpunkt steht der Chef, die bereits legendäre, wenn auch bis heute umstrittene Figur des Admirals Canaris, den O. E. Hasse ausgezeichnet, und zwar sympathisch interpretiert. Seine warme Menschlichkeit läßt Canaris bis zum bitteren Ende im Kampf liegen mit dem eigenen Verantwortungsgefühl und mit den finsteren Mächten innerhalb und außerhalb Deutschlands. Ihm zur Seite sein Adjutant Hauptmann Althoff (Adrian Hoven), der in Wirklichkeit General Oster hieß; ein Name, der wie die aller am 20. Juli Beteiligten allzu unbekannt ist. Wie und mit welchen Mitteln die deutsche Abwehr arbeitete und welche dramatischen Zwischenfälle sich dabei ergaben, das wird in glaubhaften Episoden von der Regie (Alfred Weidenmann) herausgearbeitet. Die Rolle der Irene von Harbeck spielt Barbara Rütting diskret, aber dennoch sehr eindringlich und überzeugend. Sie wird nach der Festnahme ihres Vaters durch die Gestapo von Obergruppenführer Heydrich unter Druck gesetzt und gezwungen, als seine Spionin im Amt Canaris gegen den Abwehrchef zu arbeiten. Die Glaubwürdigkeit derartiger Vorkommnisse stützt der analoge, augenblicklich in Berlin verhandelte Fall der Sowjetspionin Irmgard Margarete Schmidt.

Durch den ständigen Wechsel der Schauplätze: Berlin, London, Paris, Wien, Südspanien, erhält der Film ein fast atemberaubendes Tempo. Die Fronten in West und Ost müssen als Kulissen eines allumfassenden Geheimdienstes herhalten. Das Schicksal des Abwehrchefs Canaris endet mit der Verhaftung. Sein Tod durch den Strang, wenige Tage vor dem Eintreffen der Amerikaner im Frühjahr 1945, wird nur angedeutet.

Daß dieser Film nicht mit der Einordnung in die Kategorie der gut gemachten, politischen Reißer abgetan werden kann, verdankt er seiner Wahrhaftigkeit. Wenn auch nicht in der (frei erfundenen) Handlung selbst, so doch in den Personen und in dem Hintergrund, vor dem sie agieren. Denn zahllose eingeblendete Streifen aus Reportagen und Wochenschauen der Jahre 1938/45 haben dokumentarischen Wert. Sie lassen jene makabre Atmosphäre ständiger Todesgefahr wiedererstehen, in der wir alle gelebt haben. Und sie geben auch jene üble Haltung wieder, die damals – es ist noch gar nicht so lange her – ein Teil unseres Volkes einnahm. Nur haben wir das inzwischen ganz vergessen.

Darum ist es gut, diese furchtbaren Zeiten einmal wieder in ihrer ganzen schauerlichen Realistik vor Augen zu haben, um zu erkennen, wo wir stehen, mit oder ohne Wiederaufrüstung. H. H.