dd., Mainz

In der Zeit von 1939 bis 1950 ging in ganz Europa, vornehmlich aber in Deutschland, die Kontrolle über die Wildbestände verloren. Die Beziehungen zwischen Wald und Wild wurden zum Nachteil des Waldes verschoben. Des Wildes wegen konnte die Forstwirtschaft ihre waldbaulichen Aufgaben nicht mehr einwandfrei erfüllen. In diesem Konflikt sah sich der Forstwirt vielfach der geschlossenen Front der organisierten Jägerschaft gegenüber, die ihrerseits die Unterstützung von Naturschutzverbänden für ihre jagdlichen Interessen gewinnen konnte...“

Diese Klage steht am Beginn eines Gutachtens über die Wildschäden in den Wäldern von Rhein-, land-Pfalz, das Professor Dr. Gustav Baader für die Landesforstverwaltung erstattete und das den Landtag noch eingehend beschäftigen wird. Der Gutachter schlägt vor, den auf rund 9500 geschätzten Rotwildbestand bis auf 1200 Stück auszurotten und außerhalb von fünf Reservaten keinen Hirsch mehr zu dulden. Die Jägerschaft – und nicht nur die in Rheinland-Pfalz – wird in diesem Vorschlag eine Kampfansage erkennen und entsprechend reagieren. Ein neues Tauziehen um die Auslegung des Bundesjagdgesetzes steht bevor.

Das Problem ist nicht neu. In Niedersachsen, Westfalen, Rheinhessen und Mittelbaden sind in den letzten Jahren vielerorts Untersuchungen über die Rotwildschäden durchgeführt worden, die ein alarmierendes Ergebnis hatten. Nach den Feststellungen Baaders betragen die jährlichen Ertragsausfälle durch Wildschäden in den Staats- und Gemeindewaldungen von Rheinland-Pfalz mindestens 2,7 Millionen DM. Daran soll das Rotwild mit 88 Prozent beteiligt sein. Die Tiere beschädigen bis zu 80 Prozent des Baumbestandes durch Verbeißen der Triebe, Schälen und Abfegen der Rinde. Dabei ist das Rotwild in den weiten Wäldern der Eifel und der Pfalz erst seit wenigen Jahrzehnten wieder heimisch. Um 1880 galt es im Gebiet des heutigen Landes Rheinland-Pfalz mit Ausnahme der Montabaurer Höhe, des Soonwaldes und des Hochwaldes südlich der Mosel als ausgerottet. Dann wanderten die Hirsche aus Belgien und aus pfälzischen Privatgehegen wieder ein. Der jetzige Bestand von 9500 Stück ist nach Ansicht der Bezirksforstverwaltungen viel zu groß, um die Wildschäden in erträglichen Grenzen zu halten und insbesondere die Laubwaldbestände dort wieder aufzubauen, wo sie durch Nadelholz verdrängt wurden. Rigoroser Abschuß sei das einzige Mittel, der Wildplage Herr zu werden.

Den Laien, der kaum je einen Hirsch in freier Natur zu Gesicht bekommt, überrascht diese Forderung. Und die Jägerschaft wird alles daransetzen, die Wirkung jenes Gutachtens auf die Abgeordneten abzuschwächen. Auf den Ausgang des Kampfes kann man gespannt sein.