Von Walter Abendroth

Herbert v. Karajan hat die ihm durch einstimmigen Beschluß des Berliner Philharmonischen Orchesters angetragene Leitung der bevorstehenden Amerikatournee übernommen. Es ist anzunehmen, daß diesem Dirigenten auch die Nachfolgerschaft Wilhelm Furtwänglers zufallen wird.

Als Hans von Bülow gestorben war, schien es unmöglich, einen Nachfolger für ihn zu finden, der an gleicher Stelle in gleicher Weise führenden Rang und autorative Geltung zu beanspruchen und zugebilligt zu erhalten vermocht hätte. Bülows Name war mit dem des Berliner Philharmonischen Orchesters zu einem Begriff verschmolzen gewesen. Niemand glaubte daher an die Möglichkeit, daß die „Philharmonischen Konzerte“ nach seinem Hingang in ihrem bisherigen Glanze würden weiterbestehen können. Dann aber kam Arthur Nikisch. Und mit ihm eine neue Ära, von der man meinte, sagte und schrieb, sie übertreffe alles Vorhergegangene, und nach ihr könne es allenfalls so etwas wie einen wehmütigen Nachhall geben. Eines Tages hatte der Tod auch Nikisch abberufen. Es wurde erzählt, er habe, nicht lange davor, mit liebenswürdig-zweideutigem Lächeln zur Kenntnis genommen, daß „der junge Furtwängler ja so begabt sein“ solle. Aber Nikisch’ Verehrer waren in diesem Punkte noch ungläubiger als er selbst. Wiederum schien die Weiterexistenz der Berliner Philharmonie in alter Glorie unvorstellbar. Und es kam wirklich Furtwängler und wiederum eine neue Ära, von der man meinte ...

Und wenn man die Nekrologe gelesen hat, die dem jüngst Verstorbenen gewidmet – nein, wenn man nur die Biographien kennt, die ihm schon zu Lebzeiten geschrieben wurden, so muß man allen Ernstes befürchten, jetzt sei die Welt der klassischen Musik unwiderruflich verklungen, da es nur einen gab, der sie „wirklich“, der sie ganz und gar authentisch im Geiste ihrer Schöpfer interpretieren – nein, nicht interpretieren: der sie „nachschaffend vollziehen“ konnte. Und abermals mit Skepsis blicken die „Musikfreunde“ auf die Zukunft insbesondere des Berliner Philharmonischen Orchesters – abermalsauch indessen zeigt sich schon die Gestalt des Erben: Herbert von Karajan. Wenn Erfahrung überhaupt etwas wert ist, so muß sie uns die Gewißheit geben, daß nunmehr eine „Ära Karajan“ bevorsteht, der ohne Frage seit Generationen ge- und verbrauchten Superlative und dazu wiederum einige neue ihre unüberbietbare Herrlichkeit bescheinigen werden.

Eine leidenschaftslose Betrachtung dieser doch wohl kulturgeschichtlich einigermaßen interessanten Erscheinung: nämlich: „des größten“, des genialsten“, „des begnadetsten“ Dirigenten, dessen Tim an repräsentativer Stelle willkürlich und unwillkürlich Maßstäblichkeit für die Interpretationsleistungen einer ganzen Epoche erhält, muß von diesem einleitend illustrierten Sachverhalt ausgehen: immer übersteigt seine Geltung jegliches Maß, und immer findet er doch wieder einen Nachfolger, dem ganz dieselbe maßlose Verherrlichung zufällt. Daraus ergibt sich der logische Schluß: die Ursache dieser spezifischen Form und dieses Übermaßes von Geltung liegt gar nicht hauptsächlich in der betreffenden Persönlichkeit, sondern in bestimmten soziologisch und psychologisch begründeten Umständen. Eines steht dabei von vornherein fest: das moderne Phänomen der Dirigentenvergötzung hat gar nichts zu tun etwa mit einer überschwenglichen Begeisterung für das jeweils interpretierte Werk. Eine solche müßte vielmehr bewirken, daß der Enthusiast diesem Werke sooft wie möglich zu begegnen strebte und auch durch die unvollkommenste Wiedergabe hindurch seine geistige Macht empfände. So ist es aber nicht. Sondern die Dirigentenanbeter behaupten ja mit eherner Stirn, das Werk könne niemals so ganz ganz richtig und so bezwingend zum Erlebnis werden wie unter dem Taktstock; eben dieses einen kongenialen „Stabmeisters“ – und das allein bedeutet eine Relativierung der Wertsubstanz des Werkes, die an Nichtachtung grenzt. Außerdem bezeugt es einen leisten Unernst in der Hinnahme und Beurteilung künstlerischer Eindrücke überhaupt. Denn jeder nüchterne, reife und erfahrene Musiker wird bestätigen; in Sachen der Interpretation gibt es oberhalb noch der allgemeinen oberen Vollkommenheitsgrenze (um die herum sich übrigens gar nicht wenige Interpreten bewegen) keine echten Rangunterschiede mehr, sondern nur noch Unterschiede der Individualität, der Subjektivität, die keiner vergleichenden Qualitätswertung unterliegen können, sofern sich das subjektive Element nicht etwa gar negativ auswirkt im Sinne seiner Vordrängung vor das Objekt, was allerdings kein seltener Fall ist. Es sind also – um schon Angedeutetes mit anderen Worten zu wiederholen – außerhalb der Sache liegende Faktoren erforderlich, um aus der vielfach vertretenen Hochqualität interpretatorischer Leistungen noch eine darüber schwebende sagenhafte Hyperqualität herauszudestillieren. Alle diese außersachlichen Faktoren äußern sich vereinigt im Wunsche des Publikums. Und zwar des Großstadt-, vornehmlich des Weltstadtpublikums. Der Wunsch des Publikums erhebt den einen, der an bevorzugt-repräsentativem Platze steht, zum „Einzigen“ und „Unerreichbaren“. Daraus erklärt sich, wieso sich jedesmal wieder ein neuer „einziger“ findet: die Leute wollen ihn, und darum ist er da.

Natürlich wäre es töricht, zu bestreiten, daß überdurchschnittliche Eigenschaften den betreffenden Künstler dieser Schilderhebung fähig und würdig sein lassen müssen. Aber es ist dabei im Auge zu behalten, daß der Durchschnitt der interpretatorischen Leistungsfähigkeit heute schon ziemlich hoch liegt, und daß der darüber hinausragenden Begabungen, wie bereits erwähnt, keineswegs wenige sind. Auf jeden Fall so viele, daß die Erhebung eines einzelnen aus dieser Kategorie zum „Einzigen“ und „Unerreichbaren“, gar zum Maßgebenden und Vorbildlichen der sachlichen Rechtfertigung völlig entbehrt. Diese letzte, zugespitzte Sonderauslese vollzieht also allein der Wunsch des Publikums, der darin einig geht mit einem Bedürfnis des modernen Kunstbetriebes: eben dem Bedürfnis nach superlativischen Marktwerten. Hinter alledem steht in erster Linie jenes gewisse Verlangen nach rauschhaften Ablösungen des sogenannten „Alltags“, das ein besonderes Kennzeichen bürgerlicher Kunstbeziehungen überhaupt ist. Dazu kommt der Drang des modernen Großstädters zum Perfektionismus, sein Anspruch auf „höchste „Qualität“ aller Dinge, die ihm seine Stadt zu bieten hat. Dahinein wiederum spielt die zeitgemäße Sucht nach Rekordleistungen, wie in der Technik und im Sport, so eben auch in der Kunstdarbietung. Schließlich erfahren hier diese beiden Faktoren: der Perfektionismus und die, Rekordsucht noch eine Sublimierung durch die mondäne Atmosphäre, in welcher sich der repräsentative Musikbetrieb abspielt, und die geladen ist von einer höchst suggestiven Mischung aus echtem Erlebnishunger und snobistischer Entschlossenheit, am Abend im Konzertsaal „Ergriffenheit“ zu tragen. Und endlich, aber nicht zum letzten: die Macht des visuellen Eindrucks, vornehmlich auf weibliche Gemüter. So ein Auserwählter unter den Berufenen wirkt auf die verehrungswillige Menge in der Ausübung seines Handwerks wie ein unblutiger wahrer Feldherr, Diktator oder Geisterbeschwörer und -bändiger. Und dieses Bild vertieft sich noch durch die Illusion des „Schaffens“, indem der augenfällige Anschein den Vermittler zum Schöpfer macht, unter dessen Händen das Werk tatsächlich erst entsteht. Diese Kraft des Augenscheins – auf der ohne Zweifel der größte Teil der vielzitierten „Faszination“ durch den Dirigenten beruht – macht das sonst unbegreifliche Faktum verständlich, daß kein einziger der großen Komponisten, weder Bach, noch Mozart, noch Beethoven jemals so unablässige und so unbekrittelbare Verhimmelung erfahren hat, wie heute der gepriesene Interpret.

Es läge an sich kein Anlaß vor, dem „Mimen“, dem bekanntlich die Nachwelt keine Kränze flicht, das Hochgefühl seiner ebenso triumphalen wie vergänglichen Gegenwartsrolle nicht zu gönnen. Es läge noch weniger Anlaß vor, den wirklichen künstlerischen Rang einer derartig erhobenen Interpretenpersönlichkeit zu verkleinern, ihren verdienten Ruhm anzutasten. Was jedoch zur Kritik, zur Richtigstellung der Sachverhalte herausfordert, ist eben die völlige Verdrehung aller Wertverhältnisse, das urteilslose Nachreden grotesker Übertreibungen und unkontrollierter Behauptungen, vor allem aber die völlig abwegige Tendenz, einen solchen Großen der Interpretationskunst als Beispiel in dem Sinne hinzustellen, daß er allein den Schlüssel zu den Geheimnissen längst aller Welt vertrauter Musikschöpfungen besessen habe und seine Darstellung, seine Phrasierung, sein Tempo, seine Klangauancierung als allgemeinverbindlich zu akzeptieren seien. In jederlei Kunstübung ist der subjektive Anteil der relative Wert; er am wenigsten kann darum befugt sein, allgemein Vorbildlichkeit zu beanspruden. Sofern er indessen etwas „Einmaliges“ ist, gebricht ihm durchaus ein grundsätzlicher Vorrang vor anderen Subjektivitäten, die ihrerseits ebenfalls „einmalig“ sind.