Die Bau-Akademie in Ostberlin will sowjetrussische Bauweise einführen

Man muß schon zweimal hinsehen, um den Modell-Wolkenkratzer des „Zentralhauses gesamtdeutscher Verwaltungsorgane“, das die Ostberliner Stadtplaner gegenüber Schinkels Altem Museum erbauen wollen, nicht mit dem Warschauer Kulturpalast zu verwechseln. Auf den ersten Blick ist ein Unterschied kaum wahrzunehmen. 220 Meter hoch, doppelt so hoch wie der Funkturm, soll dieser Turmbau werden. Ursprünglich war er als Zentralhaus der Partei gedacht. Inzwischen aber plant man in Pankow bereits „gesamtdeutsch“, doch stets streng nach Moskauer Richtlinien. So sieht auch der Ostberliner Chefarchitekt Henselmann in seinem „Gesamtberliner Raumordnungsplan“, der in der Stalinallee ausgestellt ist, als „allgemeine Grundlage für die Planung Groß-Berlins die von der Regierung der DDR beschlossenen sechzehn Grundsätze des Städtebaues“ vor. Diese sechzehn Grundsätze sind die genaue Übernahme sowjetischer Städtebauvorstellungen, nach denen die Stadt nichts als „Fabrik und Hotel“ für ihre Einwohner ist, wie schon im Katalog der Proletarischen Bauausstellung 1931 in Berlin zu lesen stand. Im Sommer 1950 sind diese Grundsätze nach einer Moskaureise der Pankower Bauexperten als bindend für das gesamte Bauwesen zwischen Elbe und Oder erlassen worden; seither müssen die Planungen aller Städte in der Zone vom Aufbauministerium genehmigt und überwacht werden.

Von Pankow bis Peking ...

Damit versucht man, Ostberlin auch architektonisch dem Ostblock einzuverleiben, und die Neubauten von Pankow bis Peking gleichen sich Stein für Stein. Überall die gleiche Parade pompöser Wohnblocks, fliesengekachelt und mit Balustraden geziert, der gleiche angestrengte Versuch, den Glanz der Fürstenpaläste, grob vereinfacht, dem proletarischen Funktionärsadel dienstbar zu machen, ob er in der Gorkistraße in Moskau wohnt, am Stalinprospekt in Minsk, am Marszalkowskiplatz in Warschau oder in der Ostberliner Stalinallee. Die Großphotos dieser Wohnsiedlungen östlich der Oder haben lange gleichsam als Ahnentafeln die Baulücken der Stalinallee verdeckt. Heute hat die zwei Kilometer lange Luxuspromenade hinter dem Alexanderplatz, die frühere Frankfurter Allee, mit massigen Proportionen, blinkendem Keramikglanz und wuchernd klassizistischem Dekor die Vorbilder bereits erreicht, wenn nicht überflügelt. Selbst das „nationale Kulturerbe“, dessen Verschmelzung mit dem progressiv-„realistischen“ Baustil bisher stets vergeblich gefordert wurde, hat Chefarchitekt Henselmann neuerdings verblüffend einfach in den neuesten Entwürfen untergebracht: zwei Turmhochhäusern, die das östliche Eingangstor zur Stalinallee bilden sollen, hat er schlankweg Kuppeln aufgesetzt, die nach Gontards Domen am Gendarmenmarkt kopiert sind. Und wer die Planskizze genau betrachtet, kann zu Häupten der Kuppel eine Fahnenstange mit einem Sowjetstern entdecken, der sich vielleicht nach dem berühmten Muster des Kremlsterns, nachts rot erleuchtet, im Ostwind drehen soll. So kann man fast wörtlich nehmen, was Grotewohl einmal über die Stalinallee gesagt hat: daß sie über Frankfurt an der Oder nach Polen hinein führe und weiter ostwärts „in Richtung auf das neue und junge Herz des Sozialismus, auf Moskau“.

Seit einiger Zeit jedoch ist man dabei, die Stalinallee auch nach Westen hin zu verlängern. Die Skizzen der Ostberliner Stadtplaner führen sie über den Alexanderplatz hinweg nach Westberlin. Einstweilen steht der Verwirklichung des großzügigen Projektes noch die Sektorengrenze entgegen; niemand wird jedoch im Zweifel gelassen darüber, daß der Osten die gesamtberliner Planung zu seiner Herzensangelegenheit gemacht hat; in der Wahlkampfpropaganda der SED in Westberlin spielten Grundrißzeichnungen für Westberliner Wohnsiedlungen eine wichtige Rolle. Dabei sollen natürlich dem Berliner wie dem gesamtdeutschen Architektengespräch die Anregungen und Erfahrungen der sowjetischen Bauweise zugrunde liegen. Das wird ausdrücklich in einer Programmerklärung der sowjetdeutschen Bauakademie vom Mai dieses Jahres versichert.

Gegenüber so straffer Planung, die von der Städtegründung bis zum Simsprofil das gesamte Bauwesen nach politisch bestimmten Richtlinien lenkt, wirkt das bauliche Gesicht Westberlins heiter regellos, belebt von einer mitunter wild wuchernden architektonischen Phantasie, die man im Kontrast zur Eintönigkeit der östlichen Kolossalbauten zunächst als höchst angenehm empfindet. Auch hier baut man Wohnhochhäuser, aber man zieht sie nicht, wie drüben, gleichzeitig in die Breite, sondern läßt sie schlank und elegant in den Himmel ragen wie den neuen Wolkenkratzer am Roseneck, das höchste Wohnhochhaus der Bundesrepublik. Die Gegner seiner sechzehn Stockwerke versöhnt die Raffinesse seines Y-Grundrisses und der fröhliche Kontrast der weißen Fassade zu den umgebenden Grunewaldkiefern. Die Westberliner Architekturen zeichnen sich durch den Mut zur manchmal provozierenden Moderne aus. So werden denn neue Bauten, wie der geschwungene Hochbau der Zentralbibliothek am Halleschen Tor oder die kühne Glasfront des Konzertsaales der Musikhochschule, von den Berlinern lebhaft diskutiert und mit markanten Spitznamen belegt, von denen „Symphoniegarage“ noch der sanfteste ist. Sinn für Nützlichkeit und Dekor sind oft geschmackvoll verbunden: im Schillertheater mit seinem kurvig vorgelegten Glasfoyer, das abends in geschliffener Zeichnung funkelt, oder im Auditorium maximum der Freien Universität. Überhaupt zeigt das Donberger Universitätsviertel einen Komplex reizvoller Architekturen, die sich dezent dem Villenvorort einpassen. Gärten und Kiefern scheiten einen idealen Hintergrund abzugeben für die veißen, glasdurchbrochenen Fassaden der moderten Architekten.

Die isolierte Stadthälfte