Die von Electrola herausgebrachte Langspielaufnahme von Mussorgskys Oper Boris Godunoff ist ein Ereignis und eine Tat. Ein Ereignis, weil sie endlich ein gründliches Eindringen in das Hauptwerk eines Meisters ermöglicht, der nicht nur als der bedeutendste nationalrussische Komponist, sondern darüber hinaus als der „Stammvater der Neuen Muik“ zu gelten hat – eine Tat, weil der unentschuldbaren Bequemlichkeit der großen Operninstitute ein Beispiel dafür vorgehalten wird, was Zielwille und Findigkeit auch unter schwierigen Umständen, durchsetzen können.

Modest Mussorgsky: Boris Godunoff (Bearb. Rimsky-Korsakoff), Christoff / Zareska / Gedda / Borg usw. / Choeurs Russes de Paris / Radiodiffusion Orch., Paris / Issay Dobrowen (Electrola WALP 1044/47). Auszüge (Org. Fassg.) Raphael Arié / Orch. du Conservatoire, Paris / Alberto Brede (Decca LW 5079, LW 6067).

Eine von Dokumlenten unterstützte Darstellung der Persönlichkeit Mussorgskys, dieses Shakespeares der Töne, die in englischer Sprache längst erschienen ist, fehlt leider bei uns.

Was nun die vorliegende Aufnahme betrifft, so mag die Besetzung mehrerer Hauptrollen mit jeweils demselben Künstler zunächst befremden. Sänger von Qualität, die das Russische beherrschen, laufen aber in Paris, wo die Aufnahme gemacht wurde, nicht auf der Straße herum; es stand also zur Entscheidung, ob man für wichtige Rollen mittelmäßige Einzelstimmen nehmen oder sie nicht lieber gemeinsam je einem exquisiten Organ anvertrauen sollte, selbst auf die Gefahr hin, daß es diesem nicht immer gelang, seine Individualität hinreichend zu kostümieren.

Verwickelter ist schon die Beurteilung der äußeren Form, in der das Werk geboten wird: man hat sich für die sogenannte „zweite Bearbeitung“ von Rimsky-Korsakoff entschieden. Diese Neugestaltung durch Mussorgskys Jugendfreund, die das gewissermaßen Ungeschlachte, oftwohl auch Dilettantische des Originals beseitigen wollte, wird heute in einer reichlich summarischen Weise angegriffen, die sogar vor moralischen Vorwürfen nicht zurückschreckt: der Komponist wird, vor allem in der französischen Mussorgsky-Literatur, als ein Dulder hingestellt, der vom Ungeist musikalischen Philistertums vergewaltigt worden ist. Diese Auffassung schießt weit über das Ziel hinaus. Zwei Tatsachenlassen sichnämlich nicht aus dem Wege räumen: einmal hat schon der Komponist, wie man aus seiner eigenen „zweiten Originalfassung“ und seinen persönlichen Äußerungen entnehmen kann, das Prinzip der dramaturgischen Zweckmäßigkeit als unvermeidbar eindeutig anerkannt und demgemäß auch, was das Klangliche betrifft, zum Beispiel bei der berühmten Polonaise im dritten Akt, eine Uminstrumentierung versucht, um deren zündende Brillanz besser herauszubringen – was ihm nur leider nicht gelang. Auch ihm war also der Unterschied zwischen der Originalität und der Bühnenwirksamkeit einer musikalischen Idee kein Geheimnis, und man darf sogar annehmen, daß er im Verlauf eines längeren Lebens seiner angeborenen Originalität manche gesunde Schulweisheit beigesellt haben würde. Damals schon mußte er sich gefallen lassen, daß seine engsten Freunde diese seine Einsicht in kränkender Weise als Schwäche bezeichneten. Weiterhin aber verdankt die Oper Boris Godunoff ihre heutige überragende Weltgeltung nicht etwa der Urfassung, sondern einzig und allein der Gestalt, die Rimsky-Korsakoff ihr gegeben hat, die außerdem noch für die entscheidende Pariser Aufführung im Jahre 1908 von dem großen Theatermann Diaghilew in einer so brutalgenialen Weise für die Bühne „zugerichtet“ wurde, daß sich auch dem tolerantesten Beurteiler die Haare sträuben würden, hätte der Erfolg dem Vorgehen Diaghilews nicht recht gegeben. Wir wollen uns deshalb bei unserem Urteil an die offensichtlichen Verbesserungen durch die Rimskysche Fassung halten, wie sie selbst von vielen ihrer Kritiker zugegeben werden: die treffsicheren kleinen Ergänzungen, vor allem aber die Neuinstrumentierung, welche dem Werk, unter Beibehaltung seiner Dämonie, denjenigen sprühenden Glanz verliehen hat, mit dessen Hilfe allein es seinen Siegeszug in die Welt antreten konnte.

Was aber dem Theater recht ist, ist der Schallplatte billig, und der mit allen Wassern nicht nur russischer Musik, sondern auch musikalischen Instinktes gewaschene Dirigent Issay Dobrowen hat daher richtig gewählt, um so mehr, als es sich hier um die zentralste aller Aufgaben der Langspielplatte handelt: schwer zugängliche Werke dem großen Publikum nahezubringen. Hiernach sollen alsdann getrost auch die Puritaner zu Worte kommen, und es wird sich herausstellen, ob sie mit ihrer radikalen Auffassung auf die Dauer durchdringen werden. Die obengenannten, bei Decca erschienenen Einzelaufnahmen in der Originalfassung mit Raphael Arté, bei denen es sich um bedeutsame Teile des Werkes handelt, haben uns trotz der bestechenden Leistung dieses Sängers von der Überlegenheit der Originalfassung zunächst nicht überzeugen können.

Die hohe Qualität der Electrola-Aufnahme liegt einmal in der farbkräftigen Milieumalerei, die der Dirigent mit dem hier notwendigen breiten Pinsel anschaulich macht, zum anderen in der außergewöhnlich scharfen Charakterzeichnung der Hauptpersonen. Eine solche Leistung war nur möglich mit einem virtuosen Orchester und mit Künstlern, die nicht allein hervorragende Stimmen und Musikalität besaßen, sondern die von dem gleichen Geiste besessen waren wie der Komponist, der, nach seinen eigenen Worten, Boris war, als er Boris komponierte. Der vortrefflich geschulte Chor drückt den Jubel, den Hohn oder den Haß des wie zum Einzelwesen gewordenen Volkes mit faszinierendem Naturalismus aus. Boris Christoff, in seinen drei Rollen von immer noch verblüffender Verwandlungsfähikeit, bringt in der Darstellung des Titelhelden die Grundidee des Werkes, die zermalmende Wirkung der Gewissensangst und des Schuldbewußtseins, mit nervenaufpeitschender Eindringlichkeit zur Geltung. Aber auch die anderen Sänger, vor allem Eugenia Zereska, Nicolai Gedda, Kim Borg und André Bielecki, bieten Hervorragendes.

Die behutsame Aufnahmetechnik wird selbst den schrillsten Tonanhäufungen dieser tückischen Partitur in einer Weise gerecht, die keinen Wunsch offen läßt Chr.