St., Heide

Dem 49jährigen Hilfsrangierer Detlev Boysen aus Meldorf in Dithmarschen wird eine künftige deutsche Nachkriegskunstgeschichte einige Sätze, vielleicht einen ganzen Abschnitt, widmen müssen. Seine enorme Erfahrung „mit dem Schönen“ hat der Kleinstadt Meldorf (8000 Einwohner) zu schon internationalem Kunstruhm verholfen. Boysen, Arbeiter im Privatbahndienst bei einer Erdölfirma, erfand vor einigen Jahren die „Kunstgalerie im Café“ für Deutschland neu. (Sie hat in Frankreich einige Vorbilder.) In vielleicht 50 verschiedenen Ausstellungen zeigte er erst den Bürgern von Meldorf, dann den Bauern der Umgebung, heute bald der ganzen norddeutschen Öffentlichkeit zeitgenössische Maler und Bildhauer, Töpferkunst und Goldschmiedearbeiten.

Zuerst aus eigenen beschränkten Mitteln, dann auch mit ein paar Zuschüssen der Stadt, der Erdölfirma und privater Kreise, begann der Hilfsrangierer im Domcafé seine Ausstellungen aufzuziehen. Er mußte zunächst viele der Aussteller bitten, denen Mann und Ort vielleicht nicht ganz genehm schienen. Doch es wurden immer mehr – Abstrakte, Naturalisten, Schleswig-Holsteiner, Westdeutsche und auch erste Ausländer. (Vor kurzem wurde eine Ausstellung südafrikanischer Malerei in Anwesenheit des Vizekonsuls Südafrikas und vieler Ehrengäste eröffnet.) Den Wandel der Beurteilung mag am besten illustrieren, daß eine Kunsthandwerksschule wie die Kieler Muthesiusschule vor einigen Jahren die Bitte Boysens um eine Ausstellung in seiner „Cafégalerie“ ablehnte. Jetzt mußte die gleiche Institution um diese Ausstellung bitten, nachdem die Essener Folkwang-Schule des Professors Dr. Burchartz sich dort gezeigt hatte.

Im Augenblick hängt über den Sofas und Tischchen im Domcafé gerade modernste Romantik: Der Plöner Maler Prof. Erik Richter, einer der ungewöhnlichen Außenseiter der heutigen Malerei. In glänzender, heute schon seltener Technik malt Prof. Richter „Natur“ – Bäume, Tiere, Felsen, Seestrand –, doch er malt sie nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie ein „Träumender“ (nach intensivsten Detailstudien des Objekes) als Ideallandschaft der Stille und Schönheit schafft. Seit Boysens Bestrebungen bekannt wurden, braucht er um Aussteller keine Sorgen mehr zu haben. Fast bis 1958 könnte er mit den Angeboten aus aller Welt seine Galerie füllen.

Wenn heute jemand der Titel „Mäzen“ verdient, so dieser Mann, der aus seinem winzigen Einkommen, in seiner ganzen Freizeit nur für die Kunst lebt. Seine Liebe „zum Schönen“ begann schon vor einem Vierteljahrhundert, als er aus der Kaufmannslehre bei seinem Vater in dem holsteinischen Dorf Hennstedt entlief und als Landarbeiter auf Wanderschaft ging. Er lebte zwischen den Kohlfeldern Belgiens, der Arbeit in der Zuckerrübenernte in der Magdeburger Börde, dem Holzschlag in Estland auf der einen Seite und den Museen und Kunsthallen ganz Europas auf der anderen Seite ein seltsames Leben. Wohl zwanzigmal allein besuchte er – immer per Fahrrad – Paris, wohnte, dort unter Künstlern in den arbeitslosen Wintermonaten, immer auf der Jagd und im Studium der Kunst. In seinen Augen sind Museen „bürgerliche“ Einrichtungen der Kunstbetrachtung, die für den heutigen um einen großen Teil der Arbeiterschaft erweiterten Bürgerstand nicht mehr ausreichen.

Mehr als einmal wurde versucht, diesen Außenseiter unter den Mäzenen zu „normaliseren“. Der schleswig-holsteinsche Landeskulturverband wollte – nachdem sich Erfolge gezeigt hatten – das Domcafé unter seine Fittiche nehmen und den Erdölarbeiter Boysen ausschalten. Der Verband wurde glatt abgeschlagen. Eine lokale Pressefehde anonymer Kreise und „berufener Kunstpäpste“ gegen die Kunstbetrachtung zwischen sahneschleckenden Liebespärchen brach ebenfalls zusammen. Und seit im Schleswig-Holsteinschen Kunstkalender von 1954 Boysens Ausstellungen in Meldorf diskutiert wurden („Das Kunstwerk muß sich aus eigener Kraft über die Bewußtseinsschwelle des Beschauers erheben“), dürfte deren Weg nicht mehr zu blockieren sein.