Eine gefährliche Straßenkreuzung wird zum Schnittpunkt des Geschehens in einer kleinen Universitätsstadt. Dort gerät ein Mann unter die Räder des Autobus. Die Erschütterung dieser Schrecksekunde, die den Roman einleitet, bringt Opfer und Zeugen des Unfalls in direkte oder verborgene Beziehung zueinander und wirkt durch das ganze Buch hindurch an den nun folgenden äußerlichen und inneren Erschütterungen mit. Der überfahrene Gerhard Lönnrath, ehemaliger Degradierter in einer Strafkompanie, befindet sich in einem Konflikt, dem er nun in der Isolation des Krankenhauses völlig ausgeliefert ist. Belastet von der jenseits aller bürgerlichen Ordnung erlittenen Vergangenheit in der Strafkompanie, wird er nach seiner Heimkehr aus russischer Gefangenschaft von einem wohlsituierten Freund aufgenommen. Zwischen Lönnroth und Nina, der Frau seines gutmütigen, charakterschwachen Freundes, entsteht Liebe, der kaum mehr etwas im Wege stünde, als Ninas Mann wegen Unterschlagungen verhaftet wird. Aber Lönnroth, der „auf dem untersten Grund“ – „sozusagen ausgelöscht“ war, der aus Rache einen Kameradenschinder erschlug, einen Schieber bestahl, hat durch Nina Gut und Böse wiedererkannt. Darum muß er sie, obwohl es an der Oberfläche Rechtfertigung für ein Bleiben gäbe, verlassen. – Das ist die Haupthandlung von

Herman Stresau: Das Paradies ist verriegelt. (Scherz und Goverts Verlag, Stuttgart, 324 S., 11,80 DM.)

Das Paradies ist verriegelt – auch für alle die andern, die den mehr oder minder, alltäglichen Problemen ihres Lebens zu begegnen haben. Nina darf ihren entgleisten Mann, Vertreter „eines mehr und mehr sich vordrängenden (verantwortungslosen) Typus der wirtschaftlichen Gesellschaft“, nicht im Stich lassen. Mag ihre Ehe ein Irrtum sein – sie hat ihn gewählt. Der Student Wolfgang Heger möchte das, „was bewahrenswert erscheint, retten vor den Einbrüchen, die die Struktur der Gesellschaft verändern“, dennoch verharrt er in grüblerischer Beobachtung, weil er seinen Weg noch nicht gefunden hat. Er möchte den andern helfen, aber seine behutsame Klugheit kann die ehemalige Flakhelferin Ruth nicht aus ihrer mißtrauischen, gefühlsarmen Verschlossenheit lösen. Eingeengt in der muffigen Atmosphäre des möblierten Zimmers erleben Margot und der Assistenzarzt Paul eine Krise ihrer jungen Ehe. Dem Werkmeister, dessen Sehnsucht nach Außergewöhnlichem in einem buntkolorierten Bilde oder im Kino Befriedigung sucht, wird der Boden seines kleinbürgerlichen Pharisäertums entzogen, als er seinen Bruder in kriminelle Delikte verwickelt sieht.

Jeder der Beteiligten hat, auf sich allein gestellt, die Fragen, die ihn bewegen oder eine vage empfundene Unruhe und Lebensangst zu bewältigen. Es gibt keine Entlastung in der Unterordnung unter weltliche und geistliche Autorität. Das Kino bietet die momentane Erlösung. Man läßt sich wie ein Abziehbild von sich selbst auf die Leinwand projezieren, aber auch dort bleibt man mit sich allein. Diktatur und Krieg haben einen Zusammenbruch der Gemeinsamkeit bürgerlicher Illusionen bewirkt. Die Last dieser Erlebnisse, das Gefühl unerlösbarer Schuld am Unrecht der Welt liegt auf der Seele, wenn auch nicht im Bewußtsein jedes einzelnen, und dies um so bedrückender, als es keine aus gemeinsamem Impuls herrührende geistige Orientierung gibt.

Nüchtern, ohne Übertreibung, ohne Larmoyanz gibt Hermann Stresau ein Bild vom heutigen Lebensbewußtsein der westdeutschen Mittelschichten. Nicht in der eigentlichen Fabel des Romans ist die Leistung des Autors zu erkennen, sondern in der klaren Beobachtung und Interpretierung alltäglicher Gegebenheiten, auf die es ankommt. Diese Gegebenheiten werden stets bezogen auf die gleichsam unendliche Größe einer dämonisierten, chaotischen Welt und damit um so plastischer dargestellt. In dieser proportionell so ungleichen Situation – so begreift man – kann es keinen vorgezeichneten Ausweg geben, sondern nur den Weg, den jeder einzelne sich selbst sucht und der schon für den anderen nicht mehr verbindlich ist. Ein kluges, klares Buch, voll kühler Gescheitheit und mit wenig Hoffnung. Ruth Lutz