s. I., Berlin

Auf einem Lagerplatz hinter dem Ostberliner Rathaus sitzen vier marmorne Damen mit suchend ins Leere gerichtetem Blick. Wonach sie Ausschau halten, wird klar, wenn man erfährt, wer die Damen sind: „vier allegorische Gestalten, die Hauptgebiete der Schillerschen Muse verkörpernd: Lyrik, Drama, Philosophie und Geschichte“. So beschreibt sie ein Chronist aus dem Jahre 1905, und natürlich halten sie nach Friedrich Schiller Ausschau, der sich indessen jenseits der Sektorengrenze befindet. Ein halbes Jahrhundert lang haben die Musen – von Reinhold Begas in Marmor gehauen – zu Füßen des Dichterfürsten vor dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt gehockt. 1939 wurde das Denkmal dort abgebrochen, beim Transport in einzelne Teile zerlegt und auf verschiedene Lagerplätze verteilt, auf denen es den Krieg überdauerte. Heute ist, wie so vieles in Berlin, nun auch das Schillerdenkmal geteilt; von seinem Sockel entfernt, hat die Figur des Dichters vor zwei Jahren im Lietzenseepark in Westberlin einen Platz im Grünen gefunden, während die vier allegorischen Sockeldamen im Ostsektor der Wiedervereinigung entgegenharren. Zur Einleitung des Schillerjahres, das die Pankower Regierung im kommenden Jahre mit festlichem Aufwand begehen will, hat nun kürzlich der Ostberliner Magistrat, wie die Ostpresse berichtet, neben Telephon-, Abrüstungs- und Verkehrsvorschlägen auch einen Schiller-Vorschlag über die Sektorengrenze gesandt; diesmal soll als Gesprächsthema am ost-westlichen Senatstisch der wiedervereinigte Schiller dienen.