Niemand wird zögern, Mendès-France den Titel „Mann der Überraschung des Jahres 1954“ zuzuerkennen. Denn uns alle, Freunde und Feinde, hat er vom ersten Tage seiner Regierung an überrascht. Da aber diese Überraschung keine Zufälle waren, sondern wohlüberlegte Mittel zur Erreichung seiner Ziele, wird man auch sie dem Erfolgskonto hinzurechnen müssen. Der Titel „Mann des Jahres“, den eine amerikanische Presseagentur und mehrere europäische Zeitungen Mendès-France zuerkannt haben, wäre somit doppelt verdient.

Talleyrand sagte einmal von Richelieu: „Er täuschte, aber er log nicht.“ Meisterschaft in der Kunst des Täuschens wurde früher einem Staatsmann nicht nur zugebilligt, sie wurde von ihm erwartet. Von einem demokratischen Staatsmann verlangen wir jedoch, daß er der Öffentlichkeit jederzeit Rede und Antwort steht. In angelsächsischen Ländern gibt es die bequeme Ausrede: No comment! Darunter kann sich jeder vorstellen, was er will. Falsches oder Richtiges. Will ein Staatsmann aber, daß seine Worte in einer bestimmten Richtung verstanden werden, bleibt ihm nur der Weg, daß er es anderen überläßt, sich in ihm zu täuschen. Diesen letzten bescheidenen Rest von Macchiavellismus wird man auch einem demokratischen Staatsmann zubilligen müssen.

Im Juni 1954 versprach Mendès-France der Kammer: „Frieden in Indochina in 30 Tagen.“ Von den 371 Abgeordneten, die damals für ihn stimmten, glaubten wohl nur die Kommunisten, daß er sein Versprechen einlösen werde, und zwar glaubten sie es, weil Mendès-France im Ruf stand, antiamerikanisch und „neutralistisch“ zu sein. Man munkelte damals von geheimen Beziehungen des Regierungschefs zu Molotow, ja sogar von angeblichen kommunistischen Sympathien. Diese Informationen stammten, wie man heute weiß, aus der kommunistischen Parteizentrale in Paris, die sie über den Doppelagenten Baranès und den nichtsahnenden Polizeipräfekten Dides in die Nachrichtenkanäle westlicher Geheimdienste schleuste. Die Absicht, Mendès-France der westlichen Welt verdächtig zu machen, gelang so gut, daß ein amerikanischer Senator im Sommer dieses Jahres ein Zusammentreffen mit dem mit Mendès-France befreundeten General König ablehnte, weil dieser „Kommunist sei“.

Mendès-France ließ sowohl die östliche wie die westliche Welt solange im Glauben, er sei „kommunistenfreundlich“, wie dieser Glaube seinen Verhandlungen mit Molotow und Tschu En-lai nützlich war. Hinter dem Ziel, den Krieg in Indochina zu beenden, mußten alle anderen Ziele, auch das der Herstellung des westlichen Vertrauens, vorerst zurücktreten. Mendès-France ist ein Meister in der Beschränkung auf das jeweils wichtigste Ziel.

Wir wissen nicht, welche Hoffnungen Molotow in Genf hegte, als er Mendès-France half, die Feindseligkeiten in Indochina zu beenden. Die Hoffnung auf ein Scheitern der EVG wird sicherlich dabeigewesen sein. Selbst wenn Mendès-France derartiges als Preis für den Indochina-Frieden versprochen haben sollte, hätte er nicht die Unwahrheit gesagt, sondern lediglich zugelassen, daß man sich in ihm täuschte. Sobald der bolschewistische Mohr seine Schuldigkeit getan hatte, konnte er gehen, und der Weg zum nächsten Ziel, Gewinnung des westlichen Vertrauens, war frei.

Den Auftakt bildete ein scheinbar nebensächliches Ereignis: die Amtsenthebung des Polizeipräfekten Dides und seines Informators Benarès. Damit war die Quelle der „Geheimnachrichten“ über Mendès-France und seine Freunde verstopft. Es folgten so rasch, daß Molotow keine Zeit hatte, sich von seinem Erstaunen und seinem Ärger zu erholen, die Verträge von London und Paris.

Jetzt galt es, die nächste Klippe zu umschiffen, den Widerstand des eigenen Parlaments. Auch dies war nicht möglich ohne ein wenig Macchiavellismus. Er mußte den Abgeordneten erlauben, das Pariser Vertragswerk einmal in einem, einmal im anderen Sinne zu interpretieren, sonst konnte es kaum mit einer Mehrheit rechnen. Die Kommunisten schieden allerdings von vornherein aus. Sie fühlten sich hintergangen und standen in unerbittlicher Opposition. Auf seine eigene Partei, die Radikalen, konnte sich Mendès-France nur sehr beschränkt verlassen. Sie sah in ihm nicht bloß das Wunderkind, sondern auch das reformwütige enfant terrible der französischen Politik. Noch feindseliger, wenn auch mehr aus persönlichen als aus sachlichen Gründen, war die Stimmung bei Bidault, Teitgen und anderen trauernden Hinterbliebenen der EVG.