Der Hamburger Senat hat zum Nachfolger von Carl Georg Heise als Leiter der Hamburger Kunsthalle den bisherigen Direktor des Kestner-Museums in Hannover, Alfred Hentzen, ernannt. Das ist auf dem Gebiet des Museumswesens ein interessantes Ereignis. Die Hamburger Galerie gehört zu den bedeutendsten in der Bundesrepublik, und um die Verantwortung zu ermessen, die den neuen Leiter erwartet, genügt es, einige seiner Vorgänger aufzuzählen: Alfred Lichtwark, Gustav Pauli, Carl Georg Heise.

Heise tritt zurück, weil er die Altersgrenze erreicht hat. Das Angebot, noch ein weiteres Jahrzu bleiben, hat er abgelehnt, Er hatte die Kunsthalle nach dem Kriege unter sehr schwierigen Umständen übernommen. Das Gebäude selbst, von einer Bombe im Mitteltrakt getroffen, war zum großen Teil von den Engländern beschlagnahmt, die hier ihre Entlassungsprozeduren für ehemalige deutsche Soldaten durchführten. Der Rest war an Dekorations- und Bühnenmaler als Ateliers fest vermietet. Die Kunstwerke der Galerie lagerten in einem Bunker. So hatte Heise wirklich Gelegenheit, sein oft bewiesenes Organisationstalent zu entfalten. 1946 veranstaltete er die erste Ausstellung in den Räumen der Kunsthandlung Louis Bock & Sohn. Sie war der „Entarteten Kunst“ gewidmet. Hier sah man endlich wieder Nolde, Heckel, Kirchner, den Zigeuner-Müller, Pechstein, Barlach und den späten Corinth. Es folgte in den gleichen Sälen, in denen es durch das Oberlicht durchleckte, eine Ausstellung: Meisterwerke der Hamburger Kunsthalle. Zug um Zug wurde dann die Galerie selber mit viel Aufwand an Energie und Verhandlungsgeschick hergerichtet. Zugleich begann Heise die internationalen Beziehungen wieder anzuknüpfen. Er gehörte zu den Initiatoren der Ausstellung von Meisterwerken deutscher Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts, die 1947 in Schaffhausen stattfand und die zur Wiederkehr des Wohlwollens für Deutschland in der geistigen Welt des Auslandes entscheidend beitrug.

In der Kunsthalle galt es vor allem die Lücken aufzufüllen, die auf Befehl der Nazi-Machthaber entstanden waren. Die Brücke-Künstler, ferner Munch, Franz Marc, Picasso, Kokoschka, sie alle waren nicht mehr vertreten. Heise hat hier sehr schnell und entschlossen Ersatz beschafft. Heute, bei den gestiegenen Preisen wäre dies in solchem Umfange nicht mehr möglich. Er hat auch die Plastik-Sammlung durch moderne Werke von Blumenthal, Maillol, Rodin und Marini vermehrt und abgerundet. Durch seine Ankäufe sind in der Galerie die erlittenen Schäden, soweit dies überhaupt möglich war, ausgeglichen.

Was nun kann sein Nachfolger tun? Der Ankauf museumsreifer Werke ist, wir sagten es schon, heute nicht mehr leicht. Die Preise, die neulich für Nymphenburger Porzellanfiguren des Bustelli auf der Londoner Versteigerung bei Christie von amerikanischen Händlern gezahlt wurden, sind allen europäischen Museumsdirektoren wie ein Schock in die Glieder gefahren, und nicht anders war es mit den Ergebnissen, die die Auktion Walden bei Ketterer in Stuttgart brachte. Kein deutsches Museum konnte da mithalten. Darüber hinaus aber fehlt es auf Gebieten, die für die Kunsthalle noch auszubauen wären, überhaupt an Angeboten.

Die italienische Abteilung einzurichten, hat erst Pauli begonnen. Sie enthält fast nur Werke des 18. Jahrhunderts; man müßte sie also nach rückwärts ergänzen. Doch was da aus italienischem und englischem Privatbesitz auf den Markt kommen könnte, wird zu konkurrenzlosen Preisen von amerikanischen Sammlern aufgekauft werden. Es besteht auch keine Hoffnung, daß aus amerikanischem Privatbesitz diese Werke später wieder auf den Markt kommen könnten. Sie werden üblicherweise unter der Verpflichtung angekauft, daß sie nach dem Tode des Besitzers als Stiftung an ein Museum fallen; nur so kann der Käufer den Preis von der Einkommensteuer absetzen – und das ist jetzt auch in den USA ein zwingendes Erfordernis.

Die Möglichkeit, eine Galerie beliebig zu erweitern, ist also in Deutschland angesichts der geringen zur Verfügung stehenden Mittel gar nicht mehr vorhanden. Damit ist die Rolle eines Museumsdirektors heute völlig anders geworden, als sie noch vor drei Jahrzehnten war, Heises Nachfolger, Alfred Hentzen, ist sich darüber durchaus klar.

Aber nicht nur die Rolle, auch der Typ hat sich gewandelt. Wilhelm von Bode hat ein großes grundlegendes Werk nach dem anderen geschrieben. Ludwig Justi verfaßte sein bedeutendes Buch über Giorgione, bevor er Direktor der Nationalgalerie in Berlin wurde. Friedländer begann sein Werk über die Niederländische Malerei als Assistent beim Berliner Kupferstichkabinett. Und Heise schrieb sein Standardwerk über die norddeutsche Malerei, bevor er Direktor des St. Annen-Museums in Lübeck wurde. Hentzen, der neue Direktor der Hamburger Kunsthalle, hat außer der großen Einleitung zum Katalog der Meisterwerke Europäischer Kunst des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin – bei dessen Gemäldegalerie er eine Zeitlang Kustos war –, nur ein Buch über moderne deutsche Bildhauer geschrieben. Dafür aber findet man bei allen Werken über die neuere und neueste Kunst in der Bibliographie seine Katalogvorworte für Ausstellungen als Quellen verzeichnet. Die wissenschaftliche Museumsarbeit von früher hat sich heute weitgehend in eine Ausstellungsarbeit verwandelt.