Schöpferische Freiheit und Geschichtlichkeit hängen für den modernen Menschen zusammen. Der moderne Mensch will die Geschichte. Wie begegnet aber der Mensch dem „Schrecken der Geschichte“? Ist er imstande, das unendliche Leid, das die Geschichte hervorbringt, die sinnlose Vernichtung ganzer Völker zu rechtfertigen? Und weiter: Ist diese moderne Grundeinstellung von der „Geschichtlichkeit“ des Menschen nicht überhaupt illusorisch?

Es sind Fragen dieser Art, die der Rumäne und ehemalige Professor der Universität Bukarest Mircea Eliade in seinem Buch

„Der Mythos der ewigen Wiederkehr“ (Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf 12,50 DM).

ausspricht und darin zugleich eine neue Philosophie der Geschichte entwirft. Eliade greift in seiner Untersuchung über den üblichen Rahmen der philosophischen Auseinandersetzungen hinaus. Die abendländische Philosophie schwebt nach seiner Meinung seit langem in Gefahr, provinziell zu werden, dadurch, daß sie sich auf ihre eigene Tradition beschränkt und sich zum Beispiel um die Probleme und Lösungen des orientalischen Denkens nicht kümmert, oder dadurch, daß sie nur die geschichtlichen Zivilisationen anerkennt und die Erfahrungen des „primitiven“ Menschen unterschätzt. Eliade ist überzeugt, daß die Philosophie gerade von den Primitiven lernen könne.

Wie verhält es sich mit dieser archaischen Ontologie „der Primitiven“? Symbol, Mythos und Riten bringen ein Ganzes von Feststellungen über die letzte Wirklichkeit der Dinge zum Ausdruck, etwas, das man durchaus als eine Darstellung einer Metaphysik betrachten kann, auch wenn sie keine begriffliche Form gefunden hat. – Wenn man in diesem Zusammenhang das Verhalten der frühzeitlichen Menschen befragt, so fällt auf, daß für sie weder die Dinge der Außenwelt noch die menschlichen Handlungen einen selbständigen inneren Wert besitzen, Sie gewinnen diesen allein in dem Maß, indem sie an einer transzendenten Wirklichkeit teilhaben. So haben bei allen orientalischen Völkern die Gegenstände des täglichen Lebens, ihr Vorbild, ihre „Idee“ platonisch gesprochen. Das „himmlische Jerusalem“ erst gibt dem irdischen Sinn und Bestand. Auf ähnliche Weise erhält der menschliche Akt Sinn dadurch, daß er eine urtümliche Handlung wiederholt. Für den archaischen Menschen gibt es keine „profanen“ Handlungen, sondern nur solche, die einen klar umrissenen Sinn haben und Wiederholungen von Handlungen sind, die von Göttern, Heroen oder Ahnen vorgelebt sind. Im Augenblick der Wiederholungen, der wichtigen Rituale oder Urhandlungen, wie Zeugung, Jagd, Kampf, versetzt sich der archaische Mensch in eine „mythische“ Zeit. Alles andere dagegen ist ihm profane, sinnentleerte Zeit, die er mit Mühe erträgt und periodisch aufzuheben bestrebt ist. Der besondere Aspekt der primitiven Ontologie ist ihre antihistorische Haltung, ihre Tendenz, „die Zeit zu vernichten“.

Eine beherrschende Rolle in all diesen mythischkosmologischen Riten spielt die Vorstellung der zyklischen Wiederkehr des Vorher gewesenen. Der Primitive annulliert die Unumstößlichkeit der Zeit, indem er ihr eine zyklische Richtung vorschreibt. Noch im frühen Griechentum erscheint diese Idee der „ewigen Wiederkehr“ wieder.

Würde sich der moderne Mensch zu dieser geschichtsfeindlichen Einstellung äußern, so fiele sein Urteil zweifellos negativ aus. Er würde sie als Schwäche, als Unfähigkeit, Risiken auf sich zu nehmen, charakterisieren, ja er würde auf sie als eine Haltung herabsehen, die etwa der tierischen Stufe der Entwicklung entspricht. Aber hat er damit wirklich recht? fragt der Autor. Drückt sich darin nicht vielmehr der „Durst des Primitiven nach dem Ontischen“ aus, nach dem Wirklichen und zugleich seine Furcht, er könne sich verlieren, wenn er sich von der Bedeutungslosigkeit der profanen Existenz überkommen ließe?