Es ist mir in letzter Zeit oft begegnet, daß ich mit Leuten sprach, die über einen beunruhigenden Tatbestand teils beredte, teils verzweifelte Klage führten: nämlich, daß gewisse Dinge, im kleinsten Kreise besprochen und mit dem Siegel der Vertraulichkeit versehen, auf eine hinterhältige Art in das mehr oder minder breite Vorfeld der Öffentlichkeit hinaussickern. Es gibt Verantwortliche, die durch solche Vorgänge dem Kollaps der Managerkrankheit geradezu entgegengepeitscht werden. Nicht etwa, weil ihr Tun zwielichtig wäre, sondern weil jede Planung irgendwann mit einem Gespräch anfängt und weil aus Gründen der Konkurrenz oder aus anderen wirtschaftlichen und persönlichen Gründen diese Anfänge zunächst geheimgehalten werden müssen.

Das Gespräch im kleinsten Kreis, auf persönlichem Vertrauen aufgebaut, ist unmöglich, wenn der einzelne nicht weiß, wohin die Beratung weitergeleitet oder weitergetratscht wird. Jeder wird dann während des Gesprächs von Vorbehalten vergiftet sein, die Meinungen bleiben hübsch getarnt im Hintergrund, und Beschlüsse werden auf falschen oder nur halbrichtigen Elementen aufgebaut.

Der verschwiegene Mensch ist selten geworden in diesen unseren propagandastrotzenden Tagen. Die Sucht, etwas zu sein oder zu scheinen, steht überall im Vordergrund. Man will eine Rolle spielen. Und zu einer guten Rolle gehören – auf dem Theater wie im Leben – die guten Stichworte. Da der Stichwortbedarf enorm ist, und da sich überall mühelos erproben läßt, daß ausgeplauderte Vertraulichkeiten „kontaktfördernd“ wirken und stets heftig applaudiert werden, ist die Versuchung groß, Dinge, die man vertraulich erfuhr, auszuplaudern. Erst hinterher erkennt oft der Ausplaudernde, welche Folgen seine eitle Fahrlässigkeit hatte. Aber noch nie hat Reue der Eitelkeit ernsthaft etwas anhaben können.

Dem Chronisten bleibt nichts, als festzustellen: viele Gremien sind „undicht“. Ein guter Bekannter unterbreitete mir kürzlich den folgenden Fall: Da nehmen fünf ehrwürdige Männer – alle desselben sehr ernsthaften Berufes – an einer internen Beratung teil – sie haben sich vorher durch Handschlag verpflichtet, diese Besprechungen als vertraulich zu behandeln. Es sind wicntige Beschlüsse, die sie fassen wollen, und alles ist erst im Werden, und die Beratungen sollen sich über mehrere Tage hinziehen. „Was soll ich Ihnen sagen“, berichtete mir der Bekannte, „schon am zweiten Tage wußte es die halbe Stadt! Es gibt keine Vertraulichkeit mehr! Es ist, als hätte der Teufel überall seine Mikrophone!“

Abgesehen von Schwatzsucht, fahrlässigem Geltungsbedürfnis, Renommisterei und Schadenfreude, macht auch der Bürokratismus vor vertraulichen Beratungen und Sitzungen nicht halt. Es gibt Leute, die ohne ein Protokoll nicht leben können. Das heißt: irgendeine „zusätzliche Person“ führt Protokoll. Auch dieses Protokoll gibt nun zuweilen Außenstehenden Gelegenheit, Einblick in die solcherart festgehaltene und vervielfältigte Vertraulichkeit zu nehmen. Und sei es, daß ein Übelwollender das zufällig nur einmalig benutzte Blaupapier aus dem Papierkorb angelt – das Blaupapier, mit dem der einzige wohlbehütete Durchschlag des Protokolls hergestellt wurde.

Derjenige, der Blaupapier aus Papierkörben angelt, kann schon ein Beauftragter der „Gegenseite“ sein, der froh ist, etwas zu wissen. Auch das Wort „Wissen“ hat ja einen betrüblichen Bedeutungswandel durchgemacht. Früher bezog sich Wissen auf das, was man gelernt hat. Heute ist das „Wissen“ vielfach nichts als ein „Mit-wissen“, das heißt: die Summe jener Tatsachen, die man – mehr oder minder vertraulich – erfahren hat. Und die guten Leutchen, die uns einst den Satz einpaukten „Wissen ist Macht“, ahnten noch nicht, daß sich die Menschen eben dieses (Mit-)Wissen, das Macht ist, durch geheime Mikrophone besorgen würden.

Zu den menschlichen Unzulänglichkeiten kommt tatsächlich der Fortschritt der Technik hinzu, der es ermöglicht, an den unmöglichsten Stellen Mikrophone anzubringen und Gespräche und Verhandlungen mitanzuhören und auf Tonband aufzunehmen. Und jener Mann, der die Frage aufwarf: „Hat der Teufel überall seine Mikrophone?“ traf den Nagel auf den Kopf. Der technische Fortschritt war auch in diesem Fall schneller als die Umstellung unseres Bewußtseins. Mancher würde staunen, wenn er wüßte, wie weit das geheime Mikrophon im Dienste der Wirtschaftsspionage, der privaten Bespitzelung, der Erforschung von „vertraulichen Tatbeständen“ schon am Werke ist. Das geheime Mikrophon aber ist der Tod aller Gespräche. Das Leben wird öde, wenn es nur noch Worte geben darf, die auf der Goldwaage gewogen werden. Man sagt im allgemeinen seine Worte nicht unter der Voraussetzung, daß sie einem bei passender Gelegenheit „auf Band“ um die Ohren geschlagen werden. Das Recht am eigenen Wort wird vielfach in seiner ganzen Bedeutung noch gar nicht erkannt und zuwenig energisch verteidigt. Es ist der Abgeordnete Dr. Bucerius, der im Bundestag die gesetzgeberischen Maßnahmen ankurbelte, dem Staatsbürger das Recht am eigenen Wort zu sichern und ihm davor zu bewahren, daß ohne sein Wissen Tonbandaufnahmen seiner Worte gemacht werden, daß also der Mensch vor Obergriffen, die der Fortschritt der Technik ermöglicht, bewahrt wird. Eine Aktion, die von Bedeutung für jedermann ist. Leider folgen Legislative und Rechtsprechung solchen neuen, bahnbrechenden Gesichtspunkten zumeist nur zögernd.

Es muß noch einmal betont werden, daß es nicht darum geht, Menschen im Zwielicht die Möglichkeiten zu geben, zwielichtige Aktionen ungestört auszuhecken, sondern daß es sich um jene natürliche Vertraulichkeit handelt, ohne die kein Betrieb, kein Staat, keine Ehe, keine Freundschaft und keine Organisation gleich welcher Art existieren kann. Karl Nils Nicolaus