Von Heinz Piontek

Ein mehrstrophiges Gedicht auf ein einziges Wort zu reduzieren, mag ein absurdes Spiel sein. Bei einer solchen Beschäftigung zeigte es sich jedoch nicht selten, daß die letzte unauflösbare Vokabel die Grundsubstanz der Verse enthält. Wahrscheinlich beginnt der Dichter – bewußt oder unbewußt – mit diesem einen Wort. Es ist dem Atom gleich, in dem sich die Kräfte und Kreise eines Sonnensystems mikroskopisch spiegeln.

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Der Dichter darf seinen Verstand verlieren, aber nicht sein Gedächtnis.

Das Gedächtnis des Dichters ist ein „produktives“ Gedächtnis (die Mutter der Musen war Mnemosyne, lesen wir bei Hesiod). Es bringt die Dinge ans Licht, indem es ihre Namen erinnert, Namen finden, Namen wiederholen: das ist im Grunde alles, was der Dichter vermag. Hierin liegen seine Größe und sein Elend beschlossen.

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Der Mensch, in der Natur behaust, geborgen und gesegnet – der Mensch, ausgesetzt den Blitzschlägen des „grünen Gottes“, ein umhergetriebener Einzelgänger, dessen Seele panischer Schrecken verheert: dies zu bezeugen, ist die Poesie aller Zeiten und Zungen nicht müde geworden. Nun scheint der alte Gesang in einer Epoche, die ihren hochzivilisierten Geschöpfen die Natur im Zustand des Reservates bietet, seine Legitimität einzubüßen. Wenn er auch in der deutschen Naturlyrik unserer Tage noch erregend und betörend tönt, so sollten wir uns dadurch nicht täuschen lassen. Was wir heute hören, ist nicht mehr der kräftige Schall zukunftsreicher Musik. Neue Töne werden notwendig. Zieht ihr Klingen schon durch die Luft? Oder sind es noch immer Boreas und Zephir?