In dunklen Farben gehalten ist das Bild, das die Lastenausgleichsbank in ihrem Bericht über die Eingliederung von Vertriebenen und Flüchtlingen als Selbständige in die gewerbliche Wirtschaft gibt (Volkswirtschaftliche Berichte der Lastenausgleichsbank, Jahrgang 1954, Heft 1). Hinter der Fassade eines im allgemeinen Bilde zumindesten „überdurchschnittlichen Aufschwunges“ (was Beschäftigungs- und Umsatzzahlen angeht) zeichnen sich Strukturmängel ab, die die von den heimatvertriebenen Unternehmern immer wieder geführten Klagen und Warnungen leider nur als zu begründet erscheinen lassen.

Das entscheidende Faktum: der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme beim Durchschnitt der Vertriebenen ist von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Während die von der Lastenausgleichsbank untersuchten Betriebe der relativ noch am günstigsten gelagerten Branche, der Lederindustrie, zum Jahresende 1951 in ihren Bilanzen immerhin noch durchschnittlich 30,3 v. H. Eigenkapital auswiesen, waren es Ende 1953 nur noch 25,6 v. H. In der Textilindustrie, der wichtigsten Gruppe unter den Vertriebenenbetrieben, sank der Eigenkapital-Anteil in der gleichen Zeit von 25,8 auf 21,2 v. H. Nach einer Faustregel der Bilanzkritiker soll ein gesundes Unternehmen etwa zu 50 v. H. mit Eigenkapital finanziert sein.

Dieser Rückgang der haftenden Mittel im Rahmen der Bilanzsumme bedeutet allerdings nicht (oder nur in wenigen Fällen) einen absoluten Rückgang des Eigenkapitals, also eine Kapitalvernichtung durch Abdeckung eingetretener Verluste. In absoluten Zahlen haben sich die eigenen Mittel der Vertriebenenbetriebe seit 1949 sogar erheblich erhöht, aber die Bilanzsumme ist noch stärker gewachsen. So stand etwa den von der Lastenausgleichsbank untersuchten Betrieben in der Gablonzer Industrie Ende 1953 rund 150 v. H. mehr Eigenkapital zur Verfügung als 1949; die Bilanzsumme ist aber in der gleichen Zeit durchschnittlich um 350 v. H. gewachsen. In den Betrieben der Bekleidungsindustrie betrug der Eigenkapitalzuwachs in der gleichen Zeit rund 50 v. H. des Bestandes von 1949; die Bilanzsumme aber wuchs um 230 v. H.

Das sind nun doch recht alarmierende Zahlen. Sie werden zwar dadurch in ein etwas milderes Licht gerückt, daß sich innerhalb des mit den Bilanzen gewachsenen Schuldenturms die Relationen zwischen langfristig und kurzfristig aufgenommenen Fremdmitteln zumGünstigen verschoben haben. Die von der Konjunktur seit 1949 getragene und von ihr erzwungene rapide Ausweitung der Geschäftstätigkeit wurde (was die Kreditaufnahme anbetrifft und im Vergleich zu den Jahren vor der Währungsreform) zunehmend solider finanziert. Aber diese in verstärktem Maße langfristig herangebrachten Mittel wurden nicht zum Abbau der überhohen kurzfristigen Verschuldung verwendet, sondern dienten als Ersatz für Eigenkapital, dessen Entwicklung mit den Anforderungen eines forcierten Aufbaues nicht Schritt halten konnte.

Die Lastenausgleichsbank tadelt das Fehlen zentraler Instanzen und aufeinander abgestimmter Programme bei den Eingliederungsaktionen und vor allem, daß die öffentlichen Hilfen zu weit gestreut und darum (im Einzelfall) in unzureichender Höhe gegeben wurden. Die ungleichen Startbedingungen zwischen eingesessenen und heimatvertriebenen Unternehmern, die nicht selten aus dem Nichts heraus anfangen mußten, hätten „ein Mehrfaches“ der tatsächlich eingesetzten Kreditsummen erforderlich gemacht. Die Zuführung von Eigenkapital über den Lastenausgleich (also die Hauptentschädigung) erfolge zu spät. Dadurch blieben die Unternehmen zu lange auf hohen Kapitalkosten sitzen. Die Rentabilität und damit die Möglichkeit rechtzeitiger Rationalisierung blieb auch in guten Zeiten eingeengt. Ein Großteil der Vertriebenenbetriebe sei einer scharfen Konkurrenz nicht gewachsen. Er könnte nur unter günstigsten konjunkturellen Verhältnissen als nicht gefährdet angesehen werden. Die nunmehr einsetzende Schrumpfung der Gewinnspannen lasse die Situation der Vertriebenen- und Flüchtlingsbetriebe als volkswirtschaftliche Grenzbetriebe akut werden.

Versäumnisse in der Eingliederungspolitik sind nicht abzustreiten. Aber alle sozialen Maßnahmen finden ihre Grenze in den vorhandenen Möglichkeiten. Und diese waren, gemessen an der Aufgabe, entschieden zu gering. Um so wichtiger ist es aber jetzt, die Augen nicht vor der Tatsache zu verschließen, daß, trotz äußerer Erfolge, die Eingliederungsaktion für ein Großteil der Vertriebenenbetriebe noch nicht als abgeschlossen gelten kann. Viele von ihnen sind offenbar beängstigend unterfinanziert, was also bedeutet, daß wir uns nicht so sehr Sorge um die weitere Expansion machen sollten – sie war ja off enbar hier und da zu stark –, sondern darum, wie wir die in der Konjunktur erzielten Erfolge ausbauen und sichern können, damit nicht ein keineswegs unbeträchtlicher Teil der Wirtschaft jeder – auch schon der kleinsten – Depression zum Opfer fällt. kr