Reglos lag er im Bett und starrte an die Zimmerdecke. Er lauschte auf das Motorengebrumm der Autos, die zwei Stockwerke tief unter dem Fenster auf der Straße vorbeifuhren. Da war das leise Summen eines amerikanischen Wagens, dann klapperte ein Dieselantrieb, dann heulte erstreckend nah, so als wenn er ins Zimmer brüllte, an schwerer Dreiachser auf, der an der Straßenkreuzung gestoppt hatte und nun seine gewaltige Last wieder in Bewegung bringen wollte. An der Zimmerdecke aber warfen sie alle Schatten, lautlose Schatten, die gespenstig dahinhuschten wie Fledermäuse, und eigentlich waren die Schatten viel unheimlicher als der Lärm, obwohl er manchmal in die Ohren stach wie ein Messer. Gegen den Lärm könnte man den Kopf unter das Federbett stecken, die Schatten aber zogen magisch an, der Knabe mußte ihnen nachstarren, er konnte ihnen nicht ausweichen, und wenn der eine verschwunden war, vartete er auf den nächsten.

Nein – es ist gar nicht wahr. Er wartet gar nicht auf die Schatten, er lauscht auch gar nicht auf den Lärm, er wartet und er lauscht auf etwas ganz anderes. Jetzt hört er. Und wie er nun den Kopf zur Wand wendet, die sein Bett vom Nebenzimmer trennt, sind die Schatten nicht mehr da, die Autos unten auf der Straße sind nur noch ein ferner Strom, den die Nacht durch die Straßen der großen Stadt dahinwälzt... Aber jetzt hört er die Stimme, ihre Stimme. Sie trällert eine Melodie. Er kennt die Melodie. Viele, viele Male hat er sie von ihr gehört. Es ist das Lied, das durch die ganze Stadt ertönt, aus den Kaffeehäusern, aus den Lautsprechern, wenn an den warmen Abenden die Menschen feierabendträge in den Fenstern liegen und ganz in der Frühe schon, wenn es der Bäckerjunge auf seinem Rad in den frischen Morgen pfeift. Aber niemals ist es so schön, wie wenn sie selber es singt – ihr Lied, das sie berühmt gemacht hat, sie, die junge Sängerin ... seine Mutter.

Seine überwachen Sinne nehmen jeden Laut auf aus dem Zimmer nebenan: das feine knisternde Rauschen der glänzenden, glitzernden Kleider, die sie zur schönsten aller Märchenfeen machen und da... ein kurzes klapperndes Geräusch. Sie hat die Bürste auf die Glasplatte des Frisiertisches gelegt, mit der sie sich, während sie das Liedchen trällerte, das Haar gekämmt hat, diese Flut von weichen duftigen rotbraunen Wellen, in der sein kleines Gesicht fast verschwindet, wenn sie ihn zärtlich liebkosend auf dem Schoß hält.

Etwas würgt ihn in der Kehle, denn es ist schon lange her, seit dies das letzte Mal geschah. Nie hat sie Zeit. Abends, wenn sie ins Theater muß... das begreift er, daß da nicht viel Zeit ist. Sie muß sich schön machen, auch er will, daß sie so schön ist wie eine Fee, wie eine Königin – seine Königin –, wie ein Engel oder wie Aschenbrödel, als sie zum Ball ging, um mit dem Königssohn zu tanzen. Sie selber war das arme Aschenbrödel gewesen, das sich zur schönsten aller Prinzessinnen wandelte. Er hatte es gesehen, das einzige Mal, daß er in jenes wunderbare Gebäude durfte, in dem alles so anders war und soviel schöner als im wirklichen Leben. Und in dem sie viel mehr zu Hause war, als in dem kleinen verdunkelten Zimmer, in dem er mit großen Augen schlaflos lag.

Das Würgen in der Kehle wurde stärker, er schluckte tapfer.

Da kam das Lied wieder durch die Wand. Plötzlich haßte er es, konnte es nicht mehr hören, warf sich auf den Bauch und vergrub den Kopf unter der Bettdecke. Ein schrecklicher Schmerz raubte ihm die Tränen, weite, hohle leere Räume gähnten ihn an, in denen hallende Schritte dröhnten, obwohl niemand da war, nur er... er ganz allein. Voller Entsetzen hob er den Kopf wieder aus den Betten, lauschte. Wieder die Melodie, dazu ein feines klingendes Klirren, noch einmal und noch einmal... sein Herz wurde froh, er wußte, sie legte die Ketten um den schlanken Hals, die Ketten aus funkelnden Märchensteinen, sie probierte, welche ihr heute wohl gefallen würde. Aus solchen Steinen, hatte er ihr gesagt, als er an ihrer Hand eine selige Stunde lang an den lichterfüllten Schaufenstern entlangspazierte und sich nicht satt sehen konnte an all den schönen Dingen, herrlichen Kleidern, kleinen stummen bunten Wasserfällen hinter Glas aus kostbaren Stoffen... – aus solchen Steinen würde er ihr, wenn er groß und reich geworden wäre, ein ganzes Kleid schenken. Aber es wird mir zu schwer werden, hatte sie zärtlich gelacht. Ja, hatte er ernsthaft nachgedacht, dann müßte man die Steine eben leichter machen, sie vielleicht aushöhlen und innen ein paar Tröpfchen Wasser hineintun, goldenes Wasser natürlich, dann würden sie obendrein noch schöner glänzen, und übrigens brauchte ja nicht einer neben dem anderen zu sitzen, vom seidenen Stoff müßte auch etwas zu sehen sein. Das war damals im Winter gewesen. Bald würde es wieder Winter werden. Und seitdem war sie niemals wieder mit ihm zu den leuchtenden Fenstern gegangen.

Sie hatte keine Zeit mehr für ihn, auch am Tage nicht, wenn sie nicht ins Theater mußte. Lag es daran, daß sie jetzt berühmt war, wie die Leute sagten und die Zeitungen schrieben? Meine Mutter ist berühmt, hätte er zu den Schulkameraden gesagt. Was ist das schon, eine Schauspielerin, hatte der dicke Emil geantwortet, der Klassenstärkste, sein Vater war ein hoher Beamter, sie wohnten in einer Villa und jeder in der Stadt kannte ihren Namen. Schauspieler, fahrendes Volk ... hatte Emil wegwerfend hinzugefügt, machen den Leuten etwas vor und gehen mit dem Teller sammeln... Im gleichen Augenblick schrie er auf. An seiner Kehle saß ein magerer kleiner Panther, dem plötzlich Riesenkräfte gewachsen waren, verkrallte sich, verbiß sich und schlug auf ihn ein...