Wien, Anfang Januar

In der Bechardgasse 24, im dritten Bezirk von Wien, lebt eine alte Frau in einem Zimmerchen, dessen einziges Fenster mit Pappe und Ölpapier verklebt ist. Es ist ein elendes Quartier. Und der Besitzerin geht es auch gesundheitlich nicht gut. Sie ist herzkrank. Von einer kleinen Rente von 300 Schillingen monatlich und einer „Rente“ der österreichischen Autorengesellschaft AKM in Höhe von 100 Schillingen, also von insgesamt 400 Schillingen, muß diese Greisin leben. 400 Schillinge, das sind 65 DM. – Ein kleiner Petroleumofen, auf dem sie nicht nur ihre kärglichen Mahlzeiten kocht, sondern der auch in kalten Wintertagen das Zimmerchen heizen muß, ein wackeliger Schrank, ein Sofa, das gleichzeitig als Bett dient, und ein altersschwaches Klavier sind die einzigen Möbelstücke in dieser Behausung.

Die Neunundsiebzigjährige ist die Enkelin des weltberühmten Komponisten Franz von Suppe, des Begründers der Wiener Operette, Frau Else Keller-Suppé. Noch heute spielt jeder Sender die unsterblichen Melodien Suppes. Die „Schöne Galathee“, „Fatinitza“, „Boccaccio“ und „Dichter und Bauer“ stehen noch immer auf dem Repertoire vieler Bühnen. Allerdings in „Bearbeitungen“, die meist viel schwächer sind als das Original, für die aber die „Bearbeiter“ Tantiemen beziehen. Der Marsch „O du mein Österreich“, Parademarsch der österreichisch-ungarischen Armee, wird auch heute ebenso von den Kapellen der österreichischen Gendarmerie gespielt, nachdem es kein Militär mehr in Österreich gibt. Aber die alte Dame hat nichts davon. Franz von Suppe ist inzwischen „frei“ geworden, d. h. man kann seine Melodien spielen, man kann seine Operetten aufführen, ohne einen Pfennig Tantiemen dafür zu zahlen. Man kann auch seine Partituren unentgeltlich drucken und verkaufen, wie das ein Wiener Verlag tut Er hat, als man an ihn herantrat, der Enkelin des Komponisten eine einmalige Spende von 50 Schillingen, das sind 9 (in Worten: neun!) DM gezahlt und sich damit aus der Affäre gezogen.

Als Else Supp£, zwanzigjährig, am Totenbett ihres Großvaters stand, mußte sie, ungeachtet ihres schönen Mezzosoprans, den Wunsch ihres Lebens, Opernsängerin zu werden, aufgeben. Sie heiratete den Musikschriftsteller Otto Keller und wurde Gesangspädagogin und Klavierlehrerin, Aber ihr Mann starb früh, desgleichen ihr einziges Kind, ein Mädel, und zurück blieb eine einsame alternde Frau.

1939 entging sie mit knapper Not der „kochenden Volksseele“ in Wien, die sie infolge ihrer „rassischen Abstammung“ aus dem Fenster stürzen wollte. Die Gestapo nahm sie damals selbst in Schutz, als sie offenbarte, wer ihr Großvater gewesen war. Und die Gestapo war offensichtlich barmherziger, als es der heutige Staat ist. Denn heute lebt sie, ausgebombt, verarmt und verelendet in ihrem Zimmerchen, und kein Mensch kümmert sich um sie. Die Tageszeitung „Neues Österreich“ hat in ihrer Weihnachtsausgabe auf dieses Schicksal hingewiesen, und vielleicht erreicht dieser Artikel, daß Organisationen, wie die GEMA und die Sendegesellschaften in Deutschland, sich nunmehr dieses Schicksals annehmen. A. H. Zeiz