Die zehn Tage des ersten deutschen Versuchs mit einem „Dritten Programm“ sind vorüber, und im NWDR Hamburg wertet man nun die unerwartet zahlreichen Urteile aus, die von Hörern aus dem Empfangsgebiet der sechs großen norddeutschen Städte eingegangen sind. Einige Ergebnisse zeichnen sich schon jetzt ab. Sie betreffen die Anlage des ganzen Programms. Manche Vorauskritiker hatten, geargwöhnt, man werde ihnen täglich sieben Stunden lang hochkonzentrierte Analyse und Dialektik bieten (sogar das böse Wort „Spielwiese der Snobs“ fiel in diesem Zusammenhang). Es zeigte sich aber, daß die esoterischen Sendungen alle auf die Zeit nach Mitternacht verlegt waren, und daß sogar sie den Zuhörer in die Unterhaltung einbezogen. „Unterhaltung“ – dies gerade durch die Funkpraxis so arg verschlissene Wort brachte Jürgen Schüddekopf, der Leiter und unermüdlich liebenswürdige Conferencier des Dritten Programms, schon durch seinen immer urbanen und geselligen Sprechstil am Mikrophon zu neuen Ehren. Sich unterhalten ist ja weiß Gott nicht dasselbe wie „sich unterhalten lassen“. Es setzt, geistig tätige Partner voraus, die zuzuhören wissen. Der Rundfunkhörer ist im allgemeinen gewöhnt, sich unterhalten zu lassen. Sein Hören ist ein flüchtiges Hinhören (oft nur mit einem Ohr). Das Dritte Programm dagegen wandte sich entschlossen nur an solche Zeitgenossen, die geneigt waren, zuzuhören. So weit auch der Spielraum der Sendungen inhaltlich gezogen war – von der archaischen Größe der drei Iphigenien, von Günter Eichs neu gefaßten „Lederstrumpf“-Erzählungen, dem „Jazz aus dem Äther“ und den „Kabarett-Spitzen 1954“ bis zu Léon Bloy, Malraux und Ezra Pound, von Mozarts genialem Knabenstück „Apollo und Hyazinth“ bis zu Schönbergs „Moses und Aaron“ – immer rechneten sie mit der Bereitwilligkeit, intensiv zuzuhören und sich etwas sagen zu lassen. Mit Bedacht waren darum auch die ungewöhnlich langen Pausen (mit dem sanft scheppernden Pausenzeichen) einkomponiert. Man hofft, Ende 1955 ein ständiges Drittes Programm senden zu können. Das wäre auch dann, wenn eine so kondensierte Folge von Kostbarkeiten gewiß nicht alltäglich geboten werden kann, ein Beitrag des Rundfunks zur Wiederbeseelung unseres geistigen Lebens, über dessen Entseelung das ebenso vehemente und bestürzende wie erhellende fünftägige Feature Erich Kubys vom „hilflosen Diktator Konsument“ Auskunft gab.

Wir werden sehen:

Freitag, 7. Januar, 20.20 Uhr:

In München inszeniert der geniale Bühnenregisseur Gustav-Rudolf Sellner als Debüt vor der Fernsehkamera Carl Orffs Oper „Die Kluge“. Sonntag, 9. Januar, 20 Uhr, Georges Courtelines satirische Komödie „La Brige und das Gesetz“ als Fernsehspiel mit Josef Meinrad in der Titelrolle.

Wir werden hören:

Donnertag, 6. Januar, 23.15 Uhr vom NWDR:

Für 1955 steht die Uraufführung von Ernst Kreneks neuer Oper „Pallas Athene weint“ bevor. Heute erläutert der Komponist den Sinn des Werkes, in dem Athene nach dem Untergang ihrer Stadt und dem Tode des Sokrates die Vision einer Zeit hat, „in der der Mensch in Weisheit frei zu sein vermag“.