Der Verbrauch an Kautschuk nimmt von Jahr zu Jahr zu. Naturkautschuk kann schon seit Jahrzehnten den Bedarf allein nicht mehr decken, und rund ein Drittel des Weltverbrauchs wird gegenwärtig durch Synthese-Kautschuk befriedigt. Deutschland, das Land der Erfindung des Synthese-Kautschuks, durfte jedoch seit Kriegsende (bis auf eine geringe Menge) keinen Synthese-Kautschuk mehr herstellen, jedenfalls nicht in der Bundesrepublik. Die Großanlagen in Mitteldeutschland sind dagegen stark ausgebaut worden und in vollem Betrieb. Nach den neuesten Entscheidungen der Westalliierten ist aber Jetzt der Aufbu einer großtechnischen Kautschuk-Synthese wieder möglich.

Seit langem arbeiten die Wissenschaftler und Techniker vor allem in der Chemische Werke Hals AG in Marl an dem Wiederaufbau einer modernen Kautschuk-Synthese. Dieses Werk war einst nur zu diesem Zweck errichtet und kurz vor Kriegsbeginn betriebsfertig geworden. Gegenwärtig untersuchen im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Chemischen Werke Hüls zusammen mit Fachleuten des Wirtschaftsverbandes der Deutschen Kautschukindustrie, unter welchen Bedingungen in Westdeutschland eine neue moderne Kautschuk-Synthese wirtschaftlich durchführbar ist. Der Chef von Hüls, Prof. Dr. Paul Baumann, erklärte kürzlich, daß eine neue Anlage erst in der Größenordnung von etwa 30 000 Jahrestonnen wirtschaftlich sei. Der deutsche Gesamtverbrauch an Kautschuk liegt gegenwärtig bei 120 000 t im Jahr. In den USA beträgt das Verhältnis Naturkautschuk zu Synthesekautschuk etwa 50:50.

Vor einiger Zeit waren die Chemischen Werke Hüls wegen ihres Projektes „Buna aus Rotwein“ oder richtiger gesagt: synthetischer Kautschuk aus Gärungsalkohol der französischen Rotweinproduktion im Gespräch. Jedoch ist dieser Plan verworfen worden. Die Untersuchungen haben sich dann auf die derzeitigen amerikanischen Fertigungsverfahren erstreckt. Das in den USA am meisten angewandte Verfahren geht von n-Butylen aus, ist aber, wie Prof. Baumann mitteilt, für westeuropäische Verhältnisse nicht anwendbar, weil dieser Ausgangsstoff in Westeuropa restlos im Treibstoffgebiet zur Verbesserung des Klopfwertes der Benzine verarbeitet wird.

Zur Zeit sieht es so aus, als ob eine neue deutsche Kautschuk-Synthese vom Grundstoff n-Butan ausgehen wird. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß in Westdeutschland bzw. in Westeuropa genügend n-Butan vorhanden sein wird, solange hochwertige Treibstoffe erzeugt werden. Dabei fällt n-Butan an. Da die Hauptmenge des Kautschuks in Form von Autoreifen verbraucht wird, wäre auch eine Kuppelung des Rohstoffes für den Synthese-Kautschuk mit der Benzinerzeugung wirtschaftlich vernünftig.

Über die Durchführbarkeit gibt es technisch keine Fragen mehr. Die finanzielle Seite ist zur Zeit noch im Gespräch, dürfte aber in Kürze geklärt sein. Prof. Baumannmeint, daß der Kapitalaufwand für die neue Butadin-Erzeugung auf der Grundlage von n-Butan einschl. der neuen Polymerisationsanlage und der Erweiterung gewisser Anlagen in Hüls etwa 100 Mill. DM betragen würde. Würde man eine gleiche Anlage für 30 000 Jahrestonnen „auf der grünen Wiese“ errichten, so müßte ein Betrag von 170 bis 200 Mill. DM für den gleichen Zweck notwendig sein.

Da gewisse Ausgangskosten einschließlich Amortisation, Zinsendienst und Steuern in Westdeutschland höher als in den USA sind, errechnet sich ein voraussichtlicher Verkaufspreis des neuen Produktes von etwa 20 v. H. über den gegenwärtigen US-Synthesekautschuk-Notierungen in Hamburg. Hinzu kommt, daß die US-Anlagen meist in der Größenordnung von 100 000 Jahrestonnen arbeiten und zu einer Zeit errichtet wurden, in der der Bauindex wesentlich niedriger als gegenwärtig in Westdeutschland lag. aus. Auen prot. Baumann meint, daß „der amerikanische Staat bei der Kostengestaltung des US-Synthese-Kautschuks zweifellos Hilfestellung leistet“.

Es sei erwähnt, daß sowohl Bundesregierung wie Im besonderen Bundesfinanzministerium und Bundesverkehrsiministerium diesem deutschen Syntheseprojekt gewisse Hilfestellungen zugesagt haben. Diese Hilfestellungen sollen es ermöglichen, in etwa Preisgleichheit zwischen US-Synthese-Kautschuk und dem Abgabepreis zu erreichen. In Hüls rechnet man „stündlich“ mit einem endgültigen Beschluß in Bonn. Die Werke sind darauf gerichtet, eine neue große Arbeitsleistung und zugleich auch eine interessante Ausweitung auf sich zu nehmen.

Die Aufbringung des Kapitals wird nicht nur von Hüls selbst durchgeführt werden, sondern auch von den Abnehmern, also z. B. von der Gummiindustrie, ferner von den Erzeugern der Rohstoffe und von anderen chemischen Unternehmungen. Die entflochtenen Werke der IG dürften dabei mit von der Partie sein. Prof. Baumann rechnet damit, daß auf diese Weise etwa die Hälfte des für Bau und Betrieb notwendigen Kapitals aufgebracht wird und dieses Gesellschaftskapital In den ersten Betriebsjahren dann von den Gesellschaftern auf Null abgeschrieben werden kann. Der Rest des Kapitals würde auf dem Darlehenswege beschafft werden. Aus diesem Grunde wird die neue Kautschukanlage von einer gesondert dafür zu gründenden Firma betrieben werden, an der sich natürlich Hüls maßgeblich beteiligt. Rlt