Ohne Liebe ist alles tot“, heißt es an einer Stelle des neuen Romans von Max Tau. „For over oss er himmelen.“ (Denn der Himmel ist über uns allen), im Verlag Tanum, Oslo, Mit dem Titel ist die Grundmelodie des Werkes angegeben, die auf allen Seiten des Romans zu hören ist. Der Autor geht von der einfachen Wahrheit aus, daß nur Liebe zur Erkenntnis führt, nichts anderes.

Tau befaßte sich mit den historischen Ereignissen, wie wir sie die letzten Jahrzehnte kennengelernt haben, mit der Geschichte der Tschechoslowakei, diesem Prüfstein europäischer Politik, Zwei Weltkriege, zwei Nachkriegszeiten, Invasion der Nazis, Machtübernahme durch den Kommunismus – das sind die Etappen des Kampfes und Leidensweges eines Volkes! In diese Ereignisse stellte Max Tau in seinem Buche Leben und Entwicklung eines Dorf jungen aus dem Böhmen der Doppelmonarchie. Um ihn gruppieren sich die Menschen der Heimat, kleine Händler, Schmuggler, Bettler, Heilige, Verrückte und Weise. Sie alle haben „ihre“ Historie. Jaroslav wächst heran; aus einfachen Verhältnissen formt sich sein Dasein, entwickelt sich sein Weltbild. Er gerät in die Brennpunkte der Politik, kommt nach Berlin, Paris, gewinnt in London den Poeten Andrews Mills (eine unvergeßliche Figur!) zum Freunde, agitiert, kämpft, leidet und liebt Irina, ein Mädchen, das wie er selbst der sozialen und kulturellen Hilfsarbeit ergeben ist.

Im Grunde ist es ganz belanglos, den „Inhalt“ des Romans zu referieren, denn die Handlung ist nicht das Entscheidende darin: Max Tau benutzte lediglich die Rahmenerzählung, die von einem großen, epischen Können zeugt, um seinen geistigen Standort zu markieren, der ihn befähigt, die komplizierte Problematik unseres Zeitalters zu durchleuchten. Tau sieht das Menschliche in all seinen Gefahren; sein Blick dringt in die Tiefe. Gut und Böse sind reale Mächte, mit denen man sich befassen muß, will man nicht der Versuchung unterliegen, einem billigen Optimismus das Wort zu reden, der eine Verfälschung der eigentlichen Wirklichkeit darstellt. Wenn Max Taus Buch mit dem Selbstmord Jan Masaryks endet, der das Erbe des weisen Staatsmannes antreten sollte, so bedeutet dieser Abschluß kein Verzicht auf Hoffnung und Zukunft. Der Verfasser hielt sich streng an die historische Wahrheit, aber sein Kampf geht weiter; wie Fortinbras setzt er damit fort, für seine Idee zu streiten. Jaroslav Svoboda, die Hauptgestalt des Romans, ist kein Hamlet, der in der Selbstzerstörung untergeht, sondern eine Kämpfernatur, die nicht aufgeben kann. Er weiß, daß er nicht allein steht, daß er Freunde hat, auch wenn die dunklen Mächte triumphieren sollten – für eine begrenzte Zeit!

Dieser „Glaube an den Menschen“ – (so hieß der Titel von Max Taus erstem Buch, für das er 1950 den Friedenspreis der deutschen Verleger erhielt) – ist für den Dichter die Grundbedingung, die die Zusammenarbeit der Völker auf internationaler Basis erst ermöglicht, obwohl mit diesem „Glauben“ nicht gemeint ist, daß sich der Mensch selbst als letztes Ziel instituiert. Max Taus Buch ist eine neue Bergpredigt, die aus Norwegen zu uns spricht. Er, der Verfolgte, der in den Hitlerjahren aus Berlin fliehen mußte, um in Skandinavien eine neue Heimat zu finden, ist ein Wissender, welcher die Schrecken der Tyrannei am eigenen Leibe erfahren hat. Doch sie gab: ihm zugleich die tiefe, innere Zuversicht, daß nur mit Güte, mit Liebe, mit Freundschaft alle Wunden zu heilen sind, die Millionen von Menschen zugefügt wurden. Taus Roman wurde in Norwegen ein großer Erfolg. Johan Falkberget, einer der größten Dichter des Landes, schrieb über Max Taus Buch, daß in ihm der gleiche Nerv zu spüren sei wie in Björnsons Dichtung. Dieser Vergleich mit einem Klassiker skandinavischer Literatur zeigt, wie Taus heutige Landsleute das Werk beurteilen. Hoffen wir auf eine baldige deutsche Ausgabe des Buches. Martin Sternschein