I.R.E., Amsterdam, im Januar

Es ist Holland gelungen, die wirtschaftlichen Folgen des Krieges und den Verlust seiner südostasiatischen Gebietsteile ziemlich schnell und so befriedigend zu überwinden, daß gewisse Panegyriker der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa nach dem Kriege schon den Mut aufgebracht haben, dem „deutschen Wunder“ ein „niederländisches Wunder“ an die Seite Zu stellen. Wie dem auch sei: vor allem im vergangenen Jahr hat die Zuversicht in holländischen Wirtschaftskreisen rapide zugenommen. Unter den Faktoren, die zu dieser erfreulichen Situation beigetragen haben, rangiert mit an erster Stelle das sehr gute Betriebsklima. Seit Jahren hat es in Holland keine nennenswerten Streikbewegungen gegeben, und sieht man sich internationale Statistiken an, dann könnte man beinahe glauben, daß es zu den totalitär regierten Ländern gehört, wo der Produktionsausfall durch Streiktage aus ganz anderen Gründen minimal ist.

Dabei ist das günstige Betriebsklima ebensosehr eine menschliche Selbstverständlichkeit wie eine soziale Errungenschaft. Es ist mehr gewachsen als gemacht und gestaltete sich desto besser, je weniger man sich bemühte, programmatische Desiderata zu formulieren und zu verkünden. Das verstanden auch die Gewerkschaften, die sich in Holland übrigens meist durch einen absoluten Mangel an radikaler Gesellschaftskritik auszeichnen. Kurzum: der Arbeitsfriede scheint in diesem kleinen, aber potenten Land am Meer, gemessen an den Verhältnissen in vielen anderen Ländern, beinahe perfekt.

Eben diese Quasi-Perfektion, dieses relative Glück ist es nun aber, das bestimmten Leuten auf die Nerven geht. Sie erklären, daß alles noch nicht so ist, wie es sein soll, und ärgern sich sogar öffentlich darüber. So gibt es jetzt in Holland Leute, die sich darüber aufregen, daß sie eine schöne Arbeitsklimaanlage angefertigt haben, aber die Betriebe, die auch ohne diese Anlage über ein gutes Klima verfügen, nicht bereit sind, ihnen das Produkt abzukaufen ...

Wir wollen uns konkreter ausdrücken: 1950, als man noch nicht wußte, daß Holland das Privileg seines Arbeitsfriedens dauernd genießen würde, und mehrere Parteien und Kreise der Auffassung waren, daß man nicht umhin konnte, der modernen Ideologie der „Mitbestimmung“ (medezeggenschap, wie das in Holland heißt) zu opfern, ist ein „Unternehmungsrätegesetz“ zustande gekommen, das Unternehmungen mit mindestens 25 stimmberechtigten Arbeitnehmern verpflichtete, innerhalb von drei Jahren einen sogenannten „Unternehmungsrat“ zu bilden. Dieser Rat hatte, wie das betreffende Gesetz es ausdrückte, „zur Aufgabe, unter Anerkennung der selbständigen Funktion des Unternehmers nach Vermögen dazu beizutragen, daß die Unternehmung so gut wie möglich funktioniert“. Von einer Mitbestimmung im Sinne der westdeutschen Gewerkschaften war also keine Rede. Diese ist in Holland geradezu tabu. Nur einige wenige Sozialintellektuelle wagen es, sie zu befürworten, aber sie werden für genau so „artfremd“ gehalten wie früher diejenigen, die in Holland nationalsozialistische Ideen vertraten. Wie wenig man in Holland geneigt ist, die Mitbestimmung westdeutscher Provenienz zu übernehmen, zeigt am allerbesten aber das Schicksal, das das obengenannte Unternehmungsrätegesetz erlebt hat. Wenn man nämlich glaubte, die holländischen Arbeitnehmer hätten das Instrument, das ihnen mit diesem Gesetz in die Hände gegeben war, freudig aufgenommen, ist das weit gefehlt.

Auch der holländische Gesetzgeber hatte es erwartet. Aber als 1953 ins Land gegangen und die gesetzliche Frist von drei Jahren verlaufen war, gab es noch zahllose Unternehmungen, die (ohne Protest der dort beschäftigten Arbeitnehmer!) ihre Unternehmungsräte nicht gebildet hatten. Es war deutlich, daß diese Unternehmungen entweder gegen das Gesetz waren oder, was eher zutraf, den Sinn und die Notwendigkeit des Gesetzes überhaupt nicht verstanden oder der Meinung waren, daß es keinerlei real vorhandenen Bedürfnissen entsprach. Das Merkwürdigste war dabei, daß die Arbeitnehmer sich noch lauer und indifferenter zeigten als die Arbeitgeber, die schließlich in erster Instanz verantwortlich gemacht wurden, wenn nichts erfolgte.

Unter diesen Umständen war es der holländischen Regierung nicht recht möglich, streng durchzugreifen oder gar warnende Exempel zu statuieren. Sie fand sich bereit, die Frist mit einem Jahr zu verlängern. Wiederum ergab sich keine nennenswerte Reaktion von seiten der angesprochenen Unternehmungen. Aber auch eine weitere Fristverlängerung ging unlängst zu Ende, ohne daß die Unternehmungen sich nur regten. Noch immer, nach viereinhalb Jahren also, haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Tausenden von Betrieben nicht angefangen, das zu tun, was sie laut Gesetz schon Vor anderthalb Jahren hätten abschließen müssen. Die „Niederschlagung“ dieser stillen Rebellion gegen das Gesetz soll nun der „Sozial-Wirtschaftliche Rat“ besorgen, ein Institut, das 1950 kreiert wurde und den holländischen Beitrag zu dem Problem verkörpert, das in der Bundesrepublik mit dem Wort „Bundeswirtschaftsrat“ angedeutet wird.

In den letzten Tagen des vorigen Jahres hat dieser Sozial-Wirtschaftliche Rat feierlich einen Ausschuß gebildet, der systematisch alle Unternehmungen „bearbeiten“ soll, denen es bisher an Begeisterung für das neue und doch schon wieder so alte Unternehmungsrätegesetz gefehlt hat. Sogar die Presse ist aufgerufen worden, den Ausschuß propagandistisch zu unterstützen.