Dem Wochenbericht aber die Weltrohstoffmärkte der Hamburger Kreditbank A. G., dem Nachfolge-Institut der Dresdner Bank In Norddeutschland, entnommen.

Die im Herbst 1953 einsetzende Preiserhöhung kam im Laufe des zweiten Quartals 1954 nicht nur zu einem Stillstand, sondern wurde sogar von einem Rückgang abgelöst, der sich bis zum Ende des dritten Quartals fortsetzte. Seitdem ist erneut eine Preisfestigungstendenz zu beobachten, ohne eine Änderung der labilen Marktlage herbeizuführen.

Während des vergangenen Jahres standen die Weltrohstoffmärkte weniger unter dem Einfluß wichtiger politischer Ereignisse als im Vorjahre. Dennoch waren sie keineswegs von dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage allein bestimmt, sondern nichtmarktkonforme Einflüsse beherrschten sie nach wie vor. Hierzu gehörten die (zumeist staatlichen) Eingriffe in den Marktablauf. So waren z. B. nach wie vor die US-amerikanische Beleihungspolitik sowie die Stockpile-Käufe ein wesentlicher marktstützender Faktor.

Das auffallendste Phänomen in der Entwicklung der Weltrohstoffpreise ist die unterschiedliche Entwicklung der Preise für Nahrungsmittel und derjenigen für industrielle Rohstoffe. Nahrungsmittel wiesen in der ersten Jahreshälfte eine deutliche Schwächeneigung auf, deren Ursache die großen Vorräte in den Erzeugerländern und vor allem in den USA waren. Diese großen Vorräte haben die Erzeugerländer (und hier erneut vor allem die USA) dazu veranlaßt, Möglichkeiten zur Lösung des Uberschußproblems zu suchen. Durch die im letzten Jahr geringen Ernten ist der Überschußdruck nicht abgeschwächt worden, da die Ernterückgänge in den meisten Fällen durch Rekordüberschüsse der Vorjahre mehr als kompensiert wurden. Trotz dieser Überschüsse machen sich bis jetzt noch keine Anzeichen bemerkbar, daß ein Abbau durch eine Änderung der Preispolitik und durch Senkung des als überhöht anzusehenden Preisniveaus angestrebt wird.

Bei den industriellen Rohstoffen hat sich im Vergleich zum Vorjahr die Angebotslage ungünstig entwickelt. Die bei den Metallen, vor allem Kupfer, vorhandenen Überschüsse sind nicht nur abgebaut worden, sondern durch Erzeugungsbeschränkungen sowie durch länger anhaltende Streiks hat sich sogar eine Versorgungsverknappung bemerkbar gemacht. Neben dieser Angebotsverringerung hat vor allem die Ausweitung des US-Programms zum Ankauf von Material für die strategische Reserve zu der Preisfestigung beigetragen.

Kennzeichnend für das Verhalten der Nachfrageseite war, daß nur der dringendste laufende Bedarf gedeckt wurde. Bereits seit mehreren Jahren hält die Tendenz an, die Bevorratung so gering wie möglich zu halten. Dieses Von-der-Handin-den-Mund-leben führte wiederholt dazu, daß sich die Verbraucher um jeden Preis eindecken mußten, sobald eine Stockung des Angebots drohte. In dem infolge der Ferienzeit saisonal ruhigen dritten Quartal führten daher die Streiks im US-amerikanischen und chilenischen Bergbau sowie die Londoner und australischen Dockarbeiterstreiks zu relativ starken Preissteigerungen.

Im Gegensatz zu 1953 war im Vorjahre weder die politische Spannung zwischen Ost und West noch der USA-Konjunkturverlauf für die Entwicklung der Rohstoffpreise von entscheidender Bedeutung. Der Rückgang der US-Konjunktur dürfte sich in dem Weltmarktpreisniveau nicht besonders stark ausgewirkt haben, weil gleichzeitig die Konjunktur in den großen europäischen Industrieländern sich sehr günstig entwickelte. Wie weit sich die jetzt vorhandenen Anzeichen der Überwindung der „recession“ auf die Weltwarenmärkte auswirken werden, bleibt abzuwarten. Ein starker US-Konjunkturaufschwung würde auf Grund der Stellung der USA als größte Anbieter und Nachfrager vermutlich zu einer Belebung der Umsatztätigkeit auf den Weltwarenmärkten führen. In Anbetracht des relativ knappen Angebots an industriellen Rohstoffen und der geringen Bevorratung der Verbraucher könnte eine Nachfragebelebung eine Preisfestigung nach sich ziehen. Vor allem die industriellen Rohstoffe werden in ihrer Preisentwicklung im wesentlichen von der Entwicklung der Nachfrage abhängen, da eine erhebliche Steigerung der Erzeugung vorerst nicht zu erwarten ist. Bereits in den letzten Monaten haben bei Blei und Zink die Käufe für die strategische Reserve das Angebot verknappt und eine stabile Preisentwicklung hervorgerufen. Bei einigen anderen Waren, wie z. B. bei Kautschuk, wirkt sich die in den letzten Monaten zu verzeichnende Preissteigerung fast schon probibitiv auf die Nachfrage aus. Die USA wollen ihre Synthesekautschukproduktion erhöhen, und aus mehreren Ländern, so u. a. aus Italien und Spanien und auch aus Großbritannien, wird ebenfalls über Pläne zur Errichtung einer eigenen Synthesekautschukproduktion berichtet.