JTicht alle Studenten sind so glücklich wie Charles B in Cambridge, ihre Stipendien in der vom inisterium empfohlenen Höhe ausgezahlt zu erken. Die Studienkosten und Stipendien für die jvinzuniversitäten sind geringer. Gegenüber den 600 Mark für ein dreijähriges Studium in Oxd oder Cambridge betragen sie in London (wo sten besonders hoch sind) etwa 9100 Mark, an n anderen Provinzuniversitäten 7500 Mark und r Studenten, die zu Hause wohnen können, , 00 Mark.

Der Versuch, der Revolution im englischen Unirsitätsleben mit soziologischen Statistiken beizummen, stößt auf Schwierigkeiten. Die soziologiicn Kategorien stimmen nicht mehr, auch in Engnd nicht mehr: "Arbeiterklasse", "Mittelklasse", terrschende Klasse" — oder: "Lohnempfänger", Gehaltsempfänger", "unabhängige Gew erbettelnde" oder "frei Schaffende" sind als umfassende rdnungsprinzipien unzureichend geworden. Es steht keine direkte Beziehung mehr zwischen zialer und finanzieller Position. Auch haben die xtistiker feststellen müssen, daß die amtlichen gaben der Studenten, auf die man sich stutzen ">llte, an Präzision wie an Klassenbewußtsein zu ansehen übriglassen, "Beruf des Vaters?" ist da e entscheidende Frage. Bei Prüfung der Antwori hat map feststellen müssen, daß "Seemann" ichtmatrose und Admiral einschließt, "Beamter" t iefträger oder Staatssekretär heißen kann, "GeIhäftsmann" für Verkäufer wie für Generaldirek>r steht.

Die wenigen Hinweise, die sich heute schon aus A> atistiken ablesen lassen, sind daher im Detail sein aufschlußreich. Am augenfälligsten ist die rein T Ö völkerung: Vor 20 Jahren besuchte jeder 60 Eng<tnder eine Universität, heute jeder 30. Um einer rfassung der soziologischen Struktur doch etwas jiher zu kommen, bedient man sich jetzt der Be> iffe "niedere Einkommensgruppen" und höhere r< nkommensgruppen". Die Grenze liegt etwa bei ächkeiten zu den traditionellen soziologischen l Klassen" werden dadurch kompliziert, daß jetzt i ü n Teil der Lehrer, Pastoren, jüngeren Ärzte und "Itniversitätsdozenten in die untere Klasse gehören, < tele industrielle Facharbeiter in die obere. In einer i or kurzem erschienenen Statistik werden Verändeaangen zwischen 1948 und 1953 auf diese Weise "tgelegt. In Oxford und Cambridge ist danach Anteil der "unteren" Gruppe an derStudentenaft von 7 6 v. H auf 10 5 v. H gestiegen, an i anderen Universitäten von 20 v. H auf Die Statistiken bestätigen damit immerhin eine adenz, über die der Besucher in Cambridge, der "Universität vor der Kriege kannte, keinerlei eifel haben kann. Sie zeigen, daß Oxford und mbridge dem Vormarsch des neuen Studentenlps stärkeren Widerstand entgegensetzen als ondere Universitäten. Während die Zahl der Stus nten insgesamt so erheblich gestiegen ist, sind "erer, die ihr Studium selber finanzieren, nicht nur proportional, sondern auch absolut immer weniger worden. Es gibt heute m ganz England noch < 000. Einem von diesen 23 000 galt mein nächster Leonard E unterschied sich äußerlich kaum von >uarles B. Vielleicht sah er ein bißchen weniger sig, ernster, nervöser aus. Aber das mag Zufall lewesen sein. Hier ist, aus einer längeren Unteraltung zusammengestellt, seine Geschichte: Mein tter ist Unterstaatssekretär in einem Ministerium. em verdient ungefähr 3000 Mark im Monat. Nach efjzug der Steuern bleiben ihm kaum mehr als auOO. Ich habe noch zwei Brüder: Peter, der ältere, jadiert in Oxford; der jüngere geht noch zur Prep anter im Monat 600 Mark zu bezahlen. Wir freuen 4s schon alle, wenn Peter zu Ostern fertig ist. i elleicht können wir dann endlich einmal wieder den Ferien zusammen verreisen. In den letzten nähren war das einfach nicht möglich. Vater sagt iwnchmal ("Wenn Sie das schreiben, dürfen Sie oer bitte nicht meinen Namen nennen!) cenn er irgendein harmloses kleines Vergehen wßte, für das man ihn nicht rauswerfen, sondern sir ein paar Gehaltsklassen degradieren könnte, so T ß er unter die gefährlichen 2200 käme — er ijirde es sofort tun — Ich wollte auch gar nicht ch Cambridge gehen, weil ich weiß, wie sehr sich en dafür krummlegen müssen. Aber Sie stehen vielleicht, wie das ist: Vater war in 1 mbridge, und sein Vater, und dessen Vater auch r1 da kann man nichts gegen machen tMein Freund Charles B hatte mich schon geirnt, nicht ohne Sarkasmus: "Ja, die armen ichen! Da werden Sie was erleben. Vergessen Sie iyt zwei Drittel der britischen Bevölkerung; aber Cambridge ist sie noch nicht einmal mit einem >%ftel vertreten " Charles B ist Sozialist. Er icht noch viel von"ihe worktng classes". Offenbetrachtet er sich und seinen postbeamteten T auch als dazugehörig. So geht das heute hieinander.

äs Leonard E anbelangt, so war das Urteil Charles falsch, Leonard dadite nicht daran, ! selber leid zu tun. Ganz sachlich und ziemlich erzeugend erklärte er mir, daß von "reich" im hergebrachten Sinne bei seiner Familie nicht die de sein konnte "Eine Familie mit 3000 (er f :inte Pfund im Jahr — Mark im Monafwäre das braucht man mindestens 5000 — oder, noch bes,, ein günstiges expense account (ein großzügiges 1 esenkonto also) — Und auf die Frage, was nn seine Beruf spläne seien (er studiert Griechisch < d Lateinisch), wußte er nur eine im Negativen nz eindeutige Antwort: "Das kann ich noch nicht ?en. Irgend etwas in der Industrie. Ganz bemmt weiß ich nur, was ich nicht werde: Staatsamter " Was er dann wohl überhaupt von dem neuen Erhungsgesetz halte, fragte ich ihn und war jetzt f heftige Kritik gefaßt "Es ist großartig", war je Antwort "Ich bin stolz darauf, m einem ide zu wohnen, wo jeder studieren kann, wenn ja, wenn er sich eben seine Eltern ordentlich reich oder ordentlich arm aussucht " Das ist freilich nicht das entscheidende "Wenn". Noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren 38 v. H aller Cambridger Studenten Söhne alter Adelsfarniüen (an studierende Töchter war damals noch nicht zu denken!). Vor Ausbruch des ersten Weltkrieges stellten die "Lords" nur noch zwei Prozent der Cambridger Studentenschaf t. Und doch war der Charakter der Universität im wesentlichen unverändert geblieben. Noch immer war Cambridge eine Hochburg der Aristokratie — nur daß "Aristokratie" jetzt in einem weiteren Sinne zu fassen war und ohne Rücksicht auf Ahnentafeln und Titel jeden einschloß, der aus geachteter, wohlhabender Familie kam. Aber gerade die Abkömmlinge der Familien, bei denen soziale Position und materieller Wohlstand verhältnismäßig neue Errungenschaften waren, hatten ein besonderes Interesse, sich dem gegebenen Rahmen anzupassen. Die Macht der Tradition half den zwei Prozent, den Lebensstil der übrigen 98 zu bestimmen. Wer sich nicht einfügen konnte oder wollte, mußte das nicht sehr beneidenswerte Dasein eines Außenseiters führen. Heute ist es umgekehrt. Der Student auf Staatskosten gibt den Ton an; der Lord ist Außenseiter, Noch immeidst es eine Ehre, bei ihm eingeladen zu sein — aber seine Gesellschaften sind nicht mehr ein Mittelpunkt des akademischen Lebens. Noch immer wird ihm von vielen Seiten Bewunderung entgegengebracht — aber gerade die Bewunderung zeigt ja, daß das Selbst verständliche seiner An Wesenheit verlorengegangen ist. Er ist Außenseiter geworden, auch wenn oder gerade weil Universitäts Klubs sich danach drängen, ihn zu ihrem Präsidenten zu machen. Von seiner Art gibt es heute in Cambridge weniger als hundert. Man ahmt ihn noch nach nur in Äußerlichkeiten. Seine Situation ist zu eigen, als daß sein Beispiel noch als allgemeinverbindlich empfunden werden könnte.

Sir Charles, den ich in Cambridge kennenlernte, entsprach ganz dem Typ des Engländers, wie ihn unsere Großeltern noch kannten und von dem sie uns erzählten: Ein Engländer würde lieber verhungern, als ein Stück Brot nehmen von jemandem, der ihm nicht vorgestellt worden ist. Glücklicherweise hatte ein Bekannter von mir wieder einen Bekannten, der mich dem jungen Lord vorstellte. Dann "kannten wir uns" — und alles war in bester Ordnung.

Zunächst erschien er mir als komische Figur; eben gerade weil er so vollkommen dem bekannten Bild entsprach: Hochaufgeschossen, knochig, mit gewaltigem Schnurrbart, in wildkariertem Anzug und mit einer Kopfbedeckung, die wir zu Hause "Schlägermütze" genannt hätten — in Hutgeschäften heißt sie wohl "Schildmütze" oder "Sportkappe". Als ob er sich von einem Gang durch die heimischen Felder in eine ihm fremd gewordene Umgebung verirrt hätte.

Es stellte sich bald heraus daß Sir Charles weder komisch noch weltfremd war. In einem eleganten Appartement, das er im Magdalene College bewohnte (welches, zusammen mit Kings, als das "vornehmste" der Cambridger Colleges gilt), erzählte er über sein Studium und seine Pläne: Ich gehöre zu den verhältnismäßig wenigen Studenten, die ganz genau wissen, was sie studieren und warum sie studieren. Ich bin der Älteste zu Hause; ich werde also eines Tages den Landsitz übernehmen. Vielleicht wissen Sie, was ich damit gleichzeitig an Steuerlasten übernehme, wissen zum Beispiel, daß, wenn mein Vater unerwartet stürbe, die Erbschaftssteuer allein in die Millionen gehen kann. Wir wollen das Gut, auf dem unsere Vorfahren schon im 15. Jahrhundert gesessen haben, auf jeden Fall halten. Da hilft nur eins: Es muß so bewirtschaftet werden, daß es mehr einbringt als der Schatzkanzler uns abknöpft. Die Zeiten, wo das Rittergutsbesitzerdasein nicht viel mehr als ein kostspieliger Zeitvertreib war, sind vorbei. Das können sich heute allenfalls noch die Leute leisten, die neben ihrem Gut auch andere Einnahmequellen haben, vielleicht Direktoren sind oder Großaktionäre. Meine Vorfahren hätten sich totgelacht, wenn ihnen jemand erzählt hätte, daß man Landwirt aber schaft auch an einer Universität studieren kann. Aber gerade das tun wir heute. Und es hilft. Ich erfuhr, daß die landwirtschaftliche Fakultät der Universität Cambridge eine eigene Abteilung "Gutsbewirtschaftung (Estate Management) hat, die ganz auf die Bedürfnisse von Sir Charles und seinesgleichen zugeschnitten ist. Daß man heute sein Cambridger Abschlußexamen in Gutsbewirtschaftung ablegen kann — das hätten sich die Humanisten vergangener Jahrhunderte selbst bei der Lektüre von Vergils "Georgica" nicht träumen lassen.