Bonn, Anfang Januar

An seinem 79. Geburtstage darf der Kanzler auf die Arbeit der letzten Jahre mit der Genugtuung eines Mannes blicken, der seine Ernte gesichert weiß. Noch vor kurzem mußte er in banger Sorge um sein Werk sein. Nach der Ablehnung des Brüsseler Paktes bei der ersten Abstimmung in der französischen Nationalversammlung schien auch dem neuen Vertragswerk das Schicksal der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zu drohen. Und selbst die Genugtuung über den schließlichen Erfolg seiner jahrelangen Beharrlichkeit – wohl die schönste Gabe auf dem Geburtstagstisch des Kanzlers – wird durch die Erkenntnis der noch zu überwindenden Schwierigkeiten getrübt.

Der Kanzler tritt nun in das 80. Lebensjahr ein. Seine Sorge, das Fundament zu sichern, das er gelegt hat, ist verständlich. Mehr als diese Grundlage konnte er in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit nicht bauen. Es wird noch langer Anstrengungen bedürfen, auf diesem Fundament das Haus des ganzen deutschen Vaterlandes zu errichten. Wer wird diese Arbeit einst zu Ende führen? Begreiflich, daß dieser Gedanke dem Kanzler Sorge bereitet. Und es ist nicht nur die Sorge um die Fortführung seiner Außenpolitik; es kommt die um den Fortbestand seiner so groß gewordenen Partei dazu. Es gab Situationen, wo es der ganzen Autorität des Kanzlers bedurfte, die auseinanderdrängenden Gruppen zusammenzuhalten. Wem soll das später gelingen? Die politischen Begabungen sind bei uns nie sehr häufig gewesen. Die CDU hat kein so erfahrenes Team, wie es etwa Churchill in seiner Partei zur Seite steht, und es gibt bei uns keinen Anthony Eden, den die Welt heute schon als Churchills Nachfolger betrachtet. Das politische Deutschland wird in der Welt fast nur durch den Namen Adenauer repräsentiert. Nur der verstorbene Ernst Reuter ist den Menschen draußen, besonders in Amerika, ein ähnlich konkreter Begriff gewesen.

In Kürze wird Dr. von Brentano, der als Außenminister dem Bundeskanzler einen Teil der für ihn zu schwer werdenden Arbeitslast abnehmen soll, für die Welt deutlicher als bisher als Repräsentant seiner Nation hervortreten. Aber damit ist nur ein Teil der Aufgabe in Angriff genommen, die dem Kanzler und seiner Partei gestellt ist. Es bedarf jahrelanger Erfahrungen in den Spitzenstellungen der Politik, bevor man in der Führung der Regierungsgeschäfte die notwendige Sicherheit gewinnt. Den Jüngeren zum Sammeln solcher Erfahrungen Gelegenheit zu geben, solange sie noch einen Ratgeber haben, der an einer großen Aufgabe gewachsen ist, mag der krönende Abschluß eines bedeutenden Lebens sein. Robert Strobel