e. l., Leipzig

Berta und Ingelore, Weberinnen im Thüringer Textilwerk Bleicherode, bedienen jede zehn Webstühle zu gleicher Zeit. Mit dieser „Mehrstuhlbedienung“, die sie von sowjetrussischen Arbeitern gelernt haben, sparen sie Zeit, Kosten und Material ein, ebenso wie die Lehrlinge des Hüttenwerkes Thale, die neuerdings mit Shirow-Anschliff bohren, und wie die Maurer an der Stalinallee, die nach der Dreier-Methode arbeiten. Sie tun das vermutlich jeden Tag, aber am letzten Donnerstag jeden Monats wird ihrer besonders gedacht, denn dieser Tag ist in der Sowjetzone Zum „Tag des sowjetischen Neuerers“ erklärt worden. Dann häufen sich in den Zeitungen die Namen der russischen Arbeiter, die irgendeine zeitsparende Methode erfunden haben, welche nach ihnen benannt und in die Betriebe der Satellitenstaaten exportiert wurde. Dann lesen sich die östlichen Blätter mehr als sonst wie die Seiten technischer Fachzeitschriften. Man erfährt, daß sie in Meißen Schuhe nach der Korabelnikowa-Methode anfertigen, daß man seine Maschine nach dem Vorbild der Nina Nasarowa „in persönliche Pflege“ nehmen muß. Handelt es sich dabei um eine Lokomotive, so richtet man sich eher nach dem Genossen Lunin, der für die „persönliche Pflege“ sehr spezielle Anweisungen gibt. Lunin-Lokomotiven sind an ihrer besonderen Sauberkeit und am roten Wimpel kenntlich, von denen der fünffache Aktivist Karl Bertram im Eisenhüttenkombinat „J. W. Stalin“ an der Oder allein zwanzig in seiner Abteilung wehen lassen kann.

Man errechnet die Arbeitszeiten nach den Methoden des Genossen Kowaljow, lernt vom Schnelldreher Pawel Bykow, und der Dreher Rosenstock aus der Rigaer Fahrradfabrik „Roter Stern“ erläutert in der Parteipresse, wie das zu geschehen hat. Vom Neuerer Fedossejenko lernen die Stahlwerker, wie sie in ihre noch heißen Hochöfen kriechen müssen, um sie ohne großen Produktionsverlust zu reparieren, und regelmäßig kann man mit den sowjetischen Vorbildern in „Erfahrungsaustausch“ treten. Denn diese besuchen die Betriebe, demonstrieren hier ihre Methoden und geben mahnende Ratschläge – wie der Chefingenieur des Stalin-Kombinats im Donbass-Revier, der den ungläubigen Kumpels in Oelsnitz auf ihre skeptischen Bemerkungen erwiderte: „Liebe Freunde, ich bin auch Spezialist im Bergbau. Ich habe mich stets positiv zur neuen Technik eingestellt und bin gut dabei gefahren.“ „Etwas sehr Hartes liegt in diesen Worten“, bemerkt der begleitende Reporter dazu, und ergänzt: „der deutsche Gewerkschafter fühlt: vor solchen Freunden ist nicht leicht zu bestehen.“ Und sogleich sehen auch die sowjetischen Freunde, „was sie nicht sehen wollten: die Kombine (Mehrzweckmaschine) arbeitet nicht! Die Aktivistenbewegung hatte sich verbreitert, aber den Preßlufthammer hatte sie nicht besiegt“. So gibt es mahnende Worte von den Kollegen Lubanow und Anitschenko, und am Ende holen die Kumpels von Oelsnitz die Kombine aus dem Schuppen, denn, wenn sie auch vom Erfolge nicht sehr überzeugt sind, Stalinpreisträger Poboka hat versichert: „Durch die Kombine wird das Leben schöner und kulturvoller.“

Andere sowjetische Besucher hinterlassen den deutschen Kollegen ihr Handwerkszeug, wie der Stalinpreisträger Makejew seinen Messerkopf zum Schnellfräsen, den die Fräser im Schlepperwerk Brandenburg dann in Jahresfrist vervollkommnen. Oder sie hinterlegen Literatur, aus der etwa der Genosse Krüger erfährt, wie man Kusowkins Absteckmeißel mit Erfolg verwendet. Am wirkungsvollsten jedoch ist stets der persönliche Besuch, wenigstens für die Presse, die darüber leicht in Ekstase gerät wie beim Besuch des sowjetischen Karusselldreher-Aktivisten Kusmin im Leipziger Kirow-Werk, der seine Kunst an der Karusselldrehbank des Kollegen Quarg vorführt. „Auf der Drehscheibe liegt ein rostiger Rohling. Kusmin spannt den Rohling fest ein. Er hat Besonderes vor... Kusmin hält mit seiner groben Faust den Stahlhalter umklammert, sein großes Auge wendet sich keine Sekunde ab... Breite, heiße Späne kringeln sich zu Boden. Der erste springt gleich einem sowjetischen Freund ins Gericht. Alles tritt zurück. Man merkt: ein Stalinpreisträger steht an der Maschine...“